28. September 2026  ·  29.08.–03.09.2026

Conny wollte eigentlich mit uns über den Atlantik

Stattdessen bekam sie mit Peter sechs Tage spanische Küste – und darin ziemlich viel von dem, was Segeln wirklich bedeutet.

Zu viert an Deck im Morgenlicht

Conny ist Christians Schwester. Und irgendwann hatte sie eine ziemlich große Idee: Sie wollte ein Stück unserer Reise nicht nur auf Fotos und WhatsApp mitverfolgen, sondern selbst mitkommen – und zwar gleich richtig. Von Gibraltar über den Atlantik bis nach Lanzarote. Mehrere Tage am Stück auf See, ohne Hafen, ohne Land und ohne die Möglichkeit, zwischendurch einfach auszusteigen.

Peter, ihr Freund, sollte ebenfalls mitkommen. Als die beiden Ende August ziemlich kurzfristig bei uns in Valencia am Steg standen, hatten wir den ursprünglichen Plan allerdings schon ein wenig entschärft. Nicht, weil wir Conny den Atlantik nicht zugetraut hätten, sondern weil wir fanden, dass die spanische Küste für den Einstieg fast die bessere Erfahrung bietet. Tagesetappen, erste Nachtfahrten, eigene Wachen, Häfen, Strömung, Wetter – und zwischendurch immer wieder fester Boden unter den Füßen.

Außerdem mussten wir zu einem bestimmten Zeitpunkt in Gibraltar beziehungsweise La Línea sein. Die Küstenroute passte also auch für uns perfekt.

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Conny und Peter würden auf diesen sechs Tagen ziemlich viel von dem bekommen, was Segeln ausmacht – Delfine, Fische, Nachtfahrten, Gegenstrom, Nebel, Verantwortung und einen Sprung in fast 700 Meter tiefes Wasser. Und unsere Lady würde unterwegs ein Seitenfenster opfern.

Im Nachhinein war das vermutlich der kompaktere Segelkurs. Nur ohne Zertifikat.

Erst Rum ins Meer, dann kann es losgehen

Wenn jemand neu mit uns an Bord kommt, gibt es bei uns ein kleines Ritual. Kurz nach dem Ablegen spricht einer von uns ein paar Worte. Wir bitten um guten Wind, eine ruhige See und darum, dass wir alle gut ankommen. Danach bekommt der Wassergott einen Schluck Rum.

Ob er Rum überhaupt mag, wissen wir nicht. Beschwerden hat er bisher keine eingereicht.

Für uns ist dieses Ritual trotzdem wichtig. Gerade eben stehen alle noch am Steg, Leinen werden verstaut, Fender eingesammelt und irgendwo sucht garantiert noch jemand etwas, das vor fünf Minuten ganz sicher genau dort gelegen hat. Dann geht der Rum ins Wasser und plötzlich verändert sich die Stimmung. Jetzt sind wir unterwegs.

Unsere erste Etappe führte uns von Valencia nach Denia. Rund 53 Seemeilen, leichter Wind und ein angenehmer Einstieg für unsere neue Crew. Unterwegs hing sogar die erste Makrele an der Angel, und wir sahen Thunfische im Wasser. Wenn wir uns einen entspannten ersten Segeltag mit Besuch hätten bestellen können, wäre er ungefähr so gewesen.

Die erste Makrele an Bord

Dann kamen wir in Denia an. Und Denia hatte noch eine kleine Zusatzprüfung vorbereitet.

Eine Lücke, die schon beim Anschauen zu klein wirkte

Die Marineros wiesen uns einen Liegeplatz zu. Wir schauten hin, dann noch einmal und hatten ziemlich schnell das Gefühl, dass diese Lücke eher für ein kleineres Boot gedacht war.

Unsere Lady ist knapp dreizehn Meter lang und hat kein Bugstrahlruder. Das bedeutet: Sie lässt sich im Hafen nicht einfach elegant seitlich irgendwo hineinschieben. Sie braucht Fahrt, damit das Ruder wirkt, und möglichst wenig Wind, der gleichzeitig andere Pläne hat.

Natürlich hatte der Wind an diesem Nachmittag andere Pläne.

Wir äußerten unsere Zweifel, aber die Marineros waren überzeugt, dass es funktionieren würde. Also versuchten wir es. Man vertraut in so einer Situation schließlich darauf, dass die Leute vor Ort ihren Hafen kennen.

Bei uns hat sich die Arbeitsteilung im Lauf der Zeit ganz von selbst eingespielt: Ich parke ein, Christian parkt aus, und das Ankermanöver macht er. Beschlossen hat das nie jemand. Es ist einfach so geworden.

An diesem Nachmittag stand also ich am Ruder.

Ich steuerte, Christian beobachtete Abstände und Leinen, die Marineros winkten – und aus „Das wird schon gehen" wurde innerhalb weniger Sekunden „Das wird verdammt knapp".

Unsere Lady wurde vom Wind seitlich versetzt. Der Bugspriet des Nachbarschiffs kam näher, dann noch näher, und irgendwann machte es dieses Geräusch, das man an Bord wirklich nicht hören möchte.

Kontakt.

Unser Seitenfenster hatte seinen letzten Arbeitstag.

Solche Situationen haben eine merkwürdige Wirkung. Gerade eben ist alles hektisch, und plötzlich wird man erstaunlich ruhig. Wir fuhren wieder aus der Lücke, kontrollierten zuerst, ob niemandem etwas passiert war und ob am anderen Schiff alles in Ordnung war. Danach erklärten wir ziemlich eindeutig, dass wir diesen Liegeplatz kein zweites Mal versuchen würden.

Es folgte eine Diskussion. Wir blieben bei unserer Meinung. Schließlich bekamen wir einen anderen, vernünftigen Platz.

Damit war Connys erste Lektion im längeren Mitsegeln absolviert: Nicht jedes Hafenmanöver endet so, wie es im Kopf begonnen hat.

Und manchmal kostet die Erkenntnis eine Scheibe.

Das Fenster war kaputt. Der Wein nicht.

Natürlich hätten wir uns den restlichen Abend über das Fenster ärgern können. Stattdessen gingen wir an Land, aßen gut und tranken Wein.

Es gibt ein Foto von diesem Abend, auf dem vier ziemlich entspannte Menschen sitzen. Niemand würde vermuten, dass eine Stunde vorher noch eine Scheibe zu Bruch gegangen war.

Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die man auf längeren Reisen automatisch entwickelt. Ein Problem passiert, man kümmert sich darum, prüft, was zu tun ist – und irgendwann darf der Tag trotzdem weitergehen.

Das Fenster war kaputt. Der Wein nicht.

Also konzentrierten wir uns vorerst auf das, was funktionierte.

693 Meter Wasser und eine Idee, die im Kopf größer wird

Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Cabo de las Huertas bei Alicante. Wieder etwa 53 Seemeilen, diesmal begleitet von drei Delfinen und einer Goldmakrele an der Angel.

Irgendwann schauten wir auf die Anzeige der Wassertiefe.

Die Tiefenanzeige zeigt 693 Meter

693 Meter.

Wir sagten die Zahl laut und schauten ins Wasser.

Am Ankerplatz sind fünf oder sechs Meter schon genug, um manchmal den Sand unter dem Boot zu erkennen. Man sieht den Grund, vielleicht Seegras, vielleicht einen Schatten von einem Fisch, und der Kopf weiß ungefähr, wo unten ist.

Hier gab es kein Unten, das man sehen konnte. Nur Blau. Und darunter noch mehr Blau.

Irgendjemand sagte schließlich: „Eigentlich könnten wir reinspringen."

Solche Sätze klingen immer erstaunlich vernünftig, bis man noch einmal auf die Anzeige schaut.

693 Meter.

Für den Körper macht es natürlich keinen Unterschied, ob das Wasser fünf oder fast siebenhundert Meter tief ist. Für den Kopf dagegen einen gewaltigen.

Trotzdem sprangen wir.

Der Moment, in dem man im offenen Meer landet und nach unten schaut, ist schwer zu beschreiben. Man sieht nur diese Farbe, die immer dunkler wird, bis irgendwann nichts mehr erkennbar ist. Kein Boden, kein Bezugspunkt, nichts.

Großartig. Und gleichzeitig ziemlich respektgebietend.

Schwimmen über fast siebenhundert Metern Wasser

Das Wasser war außerdem deutlich kälter als erwartet, weshalb unser mutiges Tiefseeabenteuer eher kurz ausfiel. Rein, lachen, noch einmal nach unten schauen und ziemlich zügig wieder raus.

Mut hat bei kaltem Wasser erstaunlich kurze Halbwertszeit.

Die erste Nacht verändert alles

Bis dahin war unsere gemeinsame Reise noch ziemlich leicht gewesen. Tagsüber segeln oder motoren, abends ankommen, essen, schlafen.

Die Etappe nach Almerimar änderte das. 185 Seemeilen lagen vor uns. Das bedeutete: Nachtfahrt.

Für Conny und Peter war es die erste richtige Nacht auf See.

Nachtfahrten haben eine ganz eigene Stimmung. Tagsüber sieht man Wellen, Wolken, Küste und andere Schiffe. Nachts schrumpft die Welt zusammen. Da sind die Instrumente, ein paar Lichter am Horizont, Sterne und das Geräusch des Wassers am Rumpf.

Manchmal passiert stundenlang scheinbar gar nichts. Dann taucht irgendwo ein Licht auf und plötzlich beginnt das große Rätselraten. Wie weit ist es entfernt? Fährt es auf uns zu? Zieht es vorbei? Ist es überhaupt ein Schiff?

Unter Deck schlafen die anderen, während oben jemand wach bleibt und aufpasst.

Genau da verändert sich Segeln. Aus „wir fahren irgendwohin" wird Verantwortung.

Unsere Lady war auf dieser Etappe außerdem in ausgesprochen guter Form. Nach 24,2 Stunden standen 185 Seemeilen auf der Uhr – im Schnitt 7,6 Knoten. Damit war das unsere schnellste Etappe der bisherigen Reise.

Unsere Lady kann also durchaus sportlich. Sie hat nur nicht das Bedürfnis, ständig damit anzugeben.

Bei der zweiten Nacht waren Conny und Peter keine Gäste mehr

Peter und Christian am Steuer

Auf der letzten großen Etappe Richtung Gibraltar lagen noch einmal 141 Seemeilen vor uns.

Diesmal übernahmen Conny und Peter eigene Wachen.

Und genau das ist der Punkt, an dem aus Mitfahren etwas anderes wird.

Bei einer eigenen Wache sitzt man nicht einfach im Cockpit und genießt die Nacht. Man beobachtet den Kurs, schaut auf die Instrumente, kontrolliert Lichter am Horizont und muss selbst einschätzen, ob etwas harmlos ist oder ob man besser jemanden weckt.

Während die anderen schlafen, trägt man für eine Weile Verantwortung für das Boot.

Die beiden machten das richtig gut.

Für sie war es neu. Für uns war es ein ziemlich gutes Gefühl, unter Deck schlafen zu können und zu wissen, dass oben jemand sitzt, der verstanden hat, worauf es ankommt.

Spätestens da waren Conny und Peter nicht mehr nur Besuch. Sie waren Crew.

Unser Motor geriet kurz unter falschen Verdacht

Irgendwann in dieser Nacht wurde unsere Lady plötzlich langsam. Sehr langsam.

Der Motor lief normal, die Drehzahl passte, und trotzdem bewegten wir uns über Grund kaum vorwärts.

Wer unsere Motorgeschichte aus dem Sommer kennt, kann sich wahrscheinlich vorstellen, welcher Gedanke zuerst kam.

Bitte nicht schon wieder.

Nach Rauch, Ölverbrauch und Mechanikerterminen hat man mit einem alten Motor irgendwann eine gewisse Sensibilität entwickelt. Wir hörten hin, kontrollierten die Anzeigen und überlegten, was los sein könnte.

Der Yanmar arbeitete ganz brav. Unsere Lady kam trotzdem kaum voran.

Dann schauten wir genauer auf die Strömungskarten. Und fanden den Schuldigen.

Von ungefähr halb eins nachts bis kurz vor sieben Uhr morgens liefen wir gegen einen kräftigen Gegenstrom. Nicht der Motor hatte ein Problem. Das Wasser selbst arbeitete gegen uns.

Die Erleichterung war groß. Wir entschuldigten uns innerlich beim Yanmar.

Der arme Kerl war wirklich schon oft genug unschuldig verdächtigt worden.

Gegenstrom vorbei. Gibraltar hatte aber noch Nebel im Angebot.

Nebel über dem Wasser kurz vor Gibraltar

Nachdem die Strömung endlich schwächer wurde, hätten wir uns über eine entspannte letzte Etappe gefreut.

Gibraltar hatte andere Pläne. Nebel. Zwei Stunden lang.

Und natürlich nicht irgendwo dort, wo außer uns niemand unterwegs war, sondern genau in einem Gebiet, in dem der Schiffsverkehr aus Mittelmeer und Atlantik zusammenkommt.

Plötzlich waren Radar, AIS und konzentriertes Beobachten deutlich wichtiger als jede schöne Aussicht. Gerade für Conny und Peter war das noch einmal eine neue Erfahrung: eben noch Gegenstrom, dann Nebel, dazu große Schiffe irgendwo draußen.

Und dann, als hätte das Meer beschlossen, dass es jetzt genug Spannung gegeben hatte, änderte sich die Stimmung wieder.

Gegen 18:25 Uhr kamen Delfine. Nicht drei. Ungefähr zwanzig.

Sie tauchten neben unserer Lady auf, spielten in der Bugwelle und blieben eine ganze Weile bei uns. Nach Nachtfahrt, Gegenstrom, Motorschreck und Nebel standen wir zu viert an Deck und schauten ihnen einfach zu.

Manchmal schickt das Meer die Rechnung und das Trinkgeld tatsächlich am selben Tag.

Sechs Tage später waren vier Menschen angekommen

Am 3. September liefen wir schließlich in Gibraltar ein.

Sechs Tage vorher waren Conny und Peter in Valencia mit Taschen und wenig eigener Langfahrt-Erfahrung zu uns an Bord gekommen. Jetzt lagen hinter ihnen zwei Nachtfahrten, eigene Wachen, Gegenstrom, Nebel, Delfine, Fische, ein Sprung in fast 700 Meter tiefes Wasser und ein Hafenmanöver, das unser Seitenfenster nicht überlebt hatte.

Vor allem aber hatten wir sechs Tage miteinander gelebt. Auf engem Raum, mit wenig Privatsphäre, mit Schlaf zu ungewöhnlichen Zeiten, Essen dann, wenn es gerade passte, und ganz viel gemeinsamem Lachen.

Vielleicht war diese Küstenreise am Ende tatsächlich die bessere Einführung als fünf Tage Atlantik.

Nicht, weil sie einfacher war, sondern weil sie so viel Verschiedenes in kurzer Zeit gezeigt hat. Schöne Momente und nervige, Ruhe und Konzentration, Freiheit und Verantwortung – und diese kleinen Überraschungen, die auf keiner Route im Plotter eingezeichnet sind.

Eine davon war übrigens auch eine Mütze.

Ich hatte mir irgendwann ein Mauspad in einem bestimmten Look gekauft, über das Conny lachen musste. Als sie nach Valencia kam, brachte sie mir passend dazu eine Mütze mit. Völlig unnötig, vollkommen lustig und genau deshalb eines dieser kleinen Dinge, an die man sich später erinnert.

Wenn wir heute an diese sechs Tage denken, denken wir jedenfalls nicht zuerst an die 432 Seemeilen.

Gemeinsam unterwegs an Land

Wir denken an vier Menschen auf unserer Lady, die unterwegs immer ein bisschen mehr Crew wurden.

Und irgendwann natürlich auch an Denia. Spätestens beim zweiten Glas Wein kommt das Fenster garantiert wieder auf den Tisch.