Es gibt zwei Arten, ein Schiff kennenzulernen. Die eine: Man fährt damit raus und schaut, was passiert. Die andere: Man nimmt es auseinander.
Wir haben uns für die zweite entschieden.
Zwei Monate lagen wir jetzt in der Marina Novigrad. Zwei Monate, in denen wir nicht ein einziges Mal „nur" an Bord waren. Denn ein Schiff, das einen über Ozeane tragen soll, das muss man begreifen – im wörtlichen Sinn. Jede Leitung. Jede Schraube. Jeden Winkel, in den seit Jahren niemand mehr geschaut hat. Man muss wissen, was es kann. Und ehrlicher noch: Man muss wissen, was es nicht kann.
Das hier ist die Geschichte dieser zwei Monate. Der kleinen Dinge und der großen.
17 Meter
Fangen wir oben an. Ganz oben.
Der Windanzeiger an der Mastspitze war hinüber, und so etwas tauscht man nicht eben vom Steg aus. Also rauf. 17 Meter über dem Wasser, im Bootsmannsstuhl, mit der Akkubohrmaschine am Gürtel. Wer noch nie da oben war: Der Mast wirkt von unten wie ein stabiler Mast. Da oben wirkt er wie ein schwankender Bleistift, an dem man hängt.
Und natürlich – natürlich – passte die neue Schraube nicht ins alte Loch. Also musste die Bohrmaschine doch mit nach oben, das Loch ein bisschen größer, und dann, endlich, saß der neue Windanzeiger perfekt. Man hängt da oben, der Hafen liegt einem zu Füßen, und für einen Moment vergisst man, dass die Hände noch zittern.
Die kleinen Undichtigkeiten
Ein altes Schiff hat Geheimnisse, und die meisten davon heißen: Wasser kommt rein, wo keines reinkommen soll.
Beim Prismenglas, einem dieser kleinen Deckslichter, tropfte es. Also raus damit, komplett. Reinigen, neu verfugen, wieder einsetzen. So eine Arbeit dauert einen halben Tag und sieht hinterher aus wie nichts – aber sie ist der Unterschied zwischen einer trockenen Koje und einer feuchten.
Dann der Motorraum. Oberhalb des Motors, am Deckel, waren zwei Schrauben über die Jahre verrostet. Wir drehten sie raus – und sahen, dass dort feines Wasser hereinzog, Tropfen für Tropfen. Also den ganzen Deckel herunter, alles sauber, neue Dichtungsmasse, wieder rauf. Es sind genau diese unscheinbaren Stellen, an denen sich später draußen auf See entscheidet, ob man eine ruhige Nacht hat oder nicht.
Der Motor, dem wir unser Leben anvertrauen
Unter den Bodenbrettern wohnt ein Yanmar, und mit dem haben wir uns gründlich angefreundet. Ölwechsel, Filter, jede Leitung kontrolliert, jeden Schlauch geprüft. Wenn man vorhat, Tausende Seemeilen zu fahren, dann ist der Motor nicht das Ding, das man anwirft, wenn der Wind weg ist. Er ist die Lebensversicherung.
Der neue Autopilot – und unsere größte Sorge
Und jetzt zu den großen Dingen.
Ein Schiff, das von zwei Menschen über Ozeane gesegelt werden soll, braucht einen dritten an Bord, der nie müde wird: den Autopiloten. An Bord war bereits jede Menge Furuno verbaut – Plotter, Windanzeiger, das ganze System. Also sollte auch der neue Autopilot ein Furuno werden, passend ins bestehende Netz.
Hier sind wir unserem Freund Joachim zu großem Dank verpflichtet. Ohne ihn hätten wir an manchen Stellen lange gegrübelt – er hat uns durch den Einbau begleitet.
Aber da war diese eine Sorge, die uns nicht losließ: Würde der alte Antrieb am Ruderquadranten – ein betagter Cetrek-Mechanismus mit Kette – mit der neuen Furuno-Elektronik überhaupt zusammenarbeiten? Das war die große Unbekannte. Man kann alles Neue einbauen, aber wenn das Herzstück, der Antrieb, der das Ruder bewegt, nicht mitspielt, war alles umsonst.
Wir haben ihn gereinigt, geschmiert, angeschlossen – und dann den Moment der Wahrheit abgewartet.
Er läuft. Der alte Antrieb leistet hervorragende Arbeit. Auf dem Display steht „Auto", Kurs 166°, und die Feelgood hält ihn, als hätte sie nie etwas anderes getan.
(Dass uns zwischendurch eine Sensor-Warnung anlachte – „Geschwindigkeit ist sehr langsam, überprüfen Sie den Sensor" – gehört zur Wahrheit dazu. Ein Schiff gibt seine Geheimnisse nicht alle auf einmal preis.)
Strom für die große Reise
Die zweite große Sache: die Energie.
An Bord lagen Bleibatterien – zuverlässig, aber schwer und mit wenig nutzbarer Kapazität. Für uns kein Dauerzustand. Wir arbeiten von Bord aus, wir leben von Bord aus, und das Letzte, was wir auf einer langen Reise wollen, ist: zu wenig Strom.
Also raus mit dem Blei, rein mit Lithium. Dreimal 150 Amperestunden LiFePO4 liegen jetzt an Bord. Dazu zwei Solarpanele mit je 175 Watt – und bei den Panelen haben wir bewusst nicht gespart. Es gibt eine spezialisierte Firma in Deutschland, die verspricht, dass ihre Zellen auch dann noch Ertrag liefern, wenn sie nicht voll in der Sonne stehen – wenn etwa ein Segel den Schatten wirft. Ob die Werbung hält, was sie verspricht? Wir sind neugierig und werden berichten.
Die feine, gefährliche Arbeit – das eigentliche Anschließen der Elektrik – haben wir nicht selbst gemacht. Dafür hatten wir einen ortsansässigen Spezialelektriker, der genau weiß, wie man mit Strom an Bord umgeht. Manche Dinge überlässt man besser den Profis.

Was bleibt
Ehrlich? Fertig sind wir nicht. Ein paar Dinge stehen noch offen, das Material liegt bereit, poliert werden muss auch noch. Auf einem Boot sind die Kleinigkeiten nie alle erledigt – das gehört dazu, das wird immer so bleiben.
Aber für das, worauf es ankommt – für die große Fahrt, für den ersten richtigen Start – ist alles bereit.
Es waren zwei intensive Monate. Wir sind nicht dumm herumgesessen und haben aufs Meer geschaut. Wir haben gearbeitet, geschraubt, gebohrt, geflucht und gelacht. Und irgendwann, an einem dieser Abende, als die Hände schwarz waren und der Rücken weh tat, ist mir klar geworden:
Man lernt ein Schiff nicht lieben, indem man es ansieht. Man lernt es lieben, indem man die Hände hineinlegt.













