Die Leinen sind los

Ende April haben wir die Tür hinter uns zugemacht. Die Wohnung ging an unseren Sohn und Freundin, welche jetzt  auf unseren Hund aufpassen, und wir zogen mit Sack und Pack aufs Boot. Fünf Wochen lagen wir dann noch in Novigrad am Steg, zwischen Stegnachbarn, die längst zu Freunden geworden waren, und lernten unser Schiff Handgriff für Handgriff kennen. Ölwechsel, Filter, neue Batterien, der Elektriker, der Autopilot – am Ende lief alles.

Und dann, Anfang Juni, war es so weit: die Leinen los, der Bug nach Süden.

Abfahrt Novigrad

Die erste Nacht zeigt die Zähne

Man malt sich den ersten Abend auf eigenem Kiel romantisch aus. Sonnenuntergang, ein Glas Wein, Stille. Wir bekamen etwas anderes. In der ersten Bucht, kaum dass der Anker saß, zog ein Gewitter auf – dreißig, vierzig Knoten, die über uns hinwegfegten. Und das mitten in der Nacht, wenn man nichts sieht, wenn es stockfinster ist und man nur am Heulen der Wanten hört, was da gerade geschieht.

Eine halbe Stunde lang böte es mit voller Wucht. Wir saßen im Cockpit, hielten Wache, behielten den Anker im Auge und dachten beide dasselbe: Na, das ist ja ein Empfang! Am nächsten Morgen, kaum aufgestanden, zog schon das nächste Gewitter durch. Aber in dieser einen Nacht haben wir mehr gelernt als in Wochen am Steg – wie wir reagieren, wie das Schiff reagiert, wie viel es trägt. Eine Feuertaufe, gleich am ersten Abend.

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Inseln, Buchten – und der Preis des Paradieses

Danach wurde es ruhiger und schöner. Wir tasteten uns von Bucht zu Bucht nach Süden, ankerten vor Zapuntel, sahen die Sonne über Rava ins Meer sinken und ließen in Rogoznica den Anker fallen, wo uns am Morgen ein Kormoran auf der Reling Gesellschaft leistete. Es sind diese Momente, für die man alles hinter sich lässt.

Eines aber hat uns überrascht: wie teuer Kroatien geworden ist, selbst jetzt in der Vorsaison. Eine Boje, die vor ein paar Jahren noch dreißig Euro kostete, schlägt heute mit fünfzig, sechzig zu Buche. Als ich einen Vermieter darauf ansprach, lachte er nur: „Du machst Urlaub. Lass dein Geld hier, dann fährst du wieder heim, und alles ist gut." Aus seiner Sicht hat er recht – die meisten, die hier festmachen, sind im Urlaub. Bei uns liegt die Sache anders: Wir leben hier draußen, wir arbeiten hier draußen, und da zählt jede Rechnung doppelt.

       

Wenn der dritte Mann streikt

Dann passierte, was wir am wenigsten gebrauchen konnten: Der Autopilot gab seinen Geist auf. Ausgerechnet der dritte Mann an Bord, der nie müde wird und uns das Steuern abnimmt, war plötzlich stumm. Wir taten, was sich tun ließ – Kabel organisiert, mit unserem Techniker telefoniert, die nächsten Schritte besprochen. Für den Moment aber hieß es: von Hand steuern, jede Seemeile mit den eigenen Händen am Rad.

   

Rückwärts ist eine eigene Kunst

In Stari Grad wartete die nächste Prüfung. Früher gab es hier Bojen, diesmal keine – also hieß es, rückwärts an den Steg. Und rückwärts ist unsere Lady ein eigenwilliges Wesen: schwerfällig, mit Dickkopf. Dazu blies der Wind mit fünfzehn, sechzehn Knoten quer übers Hafenbecken, und wir hatten ordentlich Respekt.

Und dann? Lief es wie am Schnürchen. Das Anlegen ein Traum, das Ablegen am nächsten Morgen genauso. Manchmal belohnt einen das Schiff für all die Mühe, die man hineingesteckt hat.

   

Die zweite Feuertaufe

Auf dem Weg weiter nach Süden, vorbei an Korčula mit Kurs auf Lastovo, versprach der Wetterbericht ruhige See und einen Wind, der sich beruhigen würde. Wir glaubten ihm. Doch kaum lagen wir auf Höhe der Insel, kam es anders: Eine Bö fuhr herein, die See baute sich auf, und auf einmal hatten wir alle Hände voll zu tun. Reffen, Schräglage halten, das Schiff auf Kurs zwingen – und das alles von Hand, ohne Autopilot.

Es war heftig und turbulent, und es war genau die zweite Feuertaufe, die wir brauchten. Denn so lernt man sein Boot kennen: wie es bei Wind reagiert, wie es in die Welle taucht, wie es sich wieder aufrichtet. Als wir später in ruhigerem Wasser lagen, schauten Doris und ich uns an und mussten grinsen. Absolut cool.

   

Leben, nicht nur reisen

Mitten in alldem läuft die Arbeit weiter. Dank Starlink haben wir Internet, wo immer wir ankern. Wir schreiben unsere Posts, beantworten Mails, führen Kundengespräche, bereiten Doris' Webinare vor. Es ist fast wie zu Hause – nur dass vor dem Bürofenster das Mittelmeer liegt und die Ankerkette leise am Bug knarzt.

Lastovo – das letzte Stück Kroatien

Jetzt liegen wir in Lastovo, weit im Süden, der letzten Insel vor der großen Überfahrt. Von hier brechen wir auf nach Italien, mit dem fernen Ziel Griechenland. Ohne Autopilot verzichten wir auf Nachtfahrten – zu zweit zwei Stunden am Rad, dann ist man durch. Also nehmen wir es in Tagesetappen: in der Früh um fünf die Leinen los und durch bis zum Abend.

Was die Überfahrt bringt, wissen wir noch nicht. Aber das ist ja der Reiz daran.

           

 

Erst wenn der Wind kommt, zeigt ein Schiff, wer es wirklich ist – und wer wir an seiner Seite sind.

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