Es ist Anfang April 2026. Drei Wochen sind wir jetzt in Grado, mit ihr, dem Schiff, das uns gehört und das uns gleichzeitig noch immer ein bisschen fremd ist. So ist das mit gebrauchten Schiffen. Man unterschreibt einen Vertrag, man bekommt einen Schlüssel, man steigt ein – und trotzdem dauert es Wochen, manchmal Monate, bis sie einen wirklich an Bord lässt.
Wir haben Zeit. Aber nicht viel. Drei Wochen Liegeplatz in Grado, mehr nicht. Danach muss sie weiter. Danach muss sie nach Hause.
Nur, dass wir noch nicht genau wissen, wo „nach Hause" ist.
Zwei Männer, ein Schrubber, ein neues Schiff
Christian und Sebi nehmen sich die ersten zwei Tage zusammen vor. Vater und Sohn, an Bord. Sie machen das, was man am Anfang macht: Sie zählen. Schraube für Schraube, Werkzeugschublade für Werkzeugschublade, Schwimmweste für Schwimmweste. Inventur eines Schiffs, das zwei Jahrzehnte lang einer anderen Familie gehört hat. Es ist eine seltsam zärtliche Arbeit. Du öffnest eine Lade, und etwas anderer Menschen Geschichte fällt dir entgegen. Ein altes Logbuch. Ein vergilbter Stadtplan. Ein Bordbuch mit einer Handschrift, die nicht deine ist.
Dann ist da der Grünspan. Auf einem Schiff, das längere Zeit gestanden hat, hängt er überall – an den Beschlägen, in den Ecken, an Stellen, an denen das Salz lange Zeit hatte. Sebi und Christian schrubben Tag für Tag. Sie reden dabei, und sie reden nicht. Es ist eine dieser Arbeiten, bei denen die Hände denken und der Kopf endlich still wird.
Ich beobachte sie manchmal vom Steg aus. Mein Sohn am Vorschiff. Mein Mann an der Reling. Und da ist dieser Moment, an dem mir klar wird: Das hier ist nicht mehr nur ein Schiffskauf. Das hier wird gerade Familie.
Eine Familienidee
Die Tage in Grado werden weniger. Wir müssen weiter, und wir wollen weiter. Aber von Grado nach Novigrad in Istrien – das ist eine kleine Überfahrt. Doch wir kennen das Schiff noch nicht wirklich. Wir wissen nicht, wie sie auf den Wind reagiert. Wir wissen nicht, wie sie sich bei zwei Meter Welle anfühlt. Wir wissen vor allem eines nicht: Wie sie sich anfühlt, wenn sie unsere ist.
Und dann passiert etwas Wunderschönes. Unsere Kids melden sich, eines nach dem anderen.
Mama, ich komme mit.
Sebi will die Überfahrt mit uns machen. Sarah, unsere Tochter, kann nicht aufs Schiff – sie hat noch andere Termine. Aber sie sagt: Dann nehme ich das Auto und fahre vor.
Manche Familien haben Eltern, die irgendwann gehen, und Kinder, die zurückbleiben. Unsere Familie hat es anders gemacht. Wir gehen. Und die Kinder kommen mit, jeder auf seine Weise.
Der zweite April – ein guter Tag
Der Morgen ist klar. Der Wind ist da, aber er hat noch Manieren. Wir lassen die Leinen los. Sebi steht oben am Bug, Christian am Steuer, ich an den Schoten. Wir fahren raus aus dem Hafen von Grado, vorbei am Wellenbrecher, vorbei an der letzten Tonne – und dann ist da nur noch Wasser.
Vier Stunden braucht sie. Vier Stunden, in denen die Adria genau das tut, was wir uns vom ersten Tag erhofft hatten. Sie trägt uns. Sie zeigt uns, dass dieses Schiff genau weiß, was es tut. Wir wechseln uns am Steuer ab, Sebi grinst, Christian fotografiert, ich halte das Rad und merke, wie sich etwas in mir setzt. Wir gehören jetzt zusammen, sie und wir. Es ist nicht mehr die Samba. Es ist beinahe schon die Feelgood.
Novigrad. Und ein Liegeplatz, der zu klein ist
Am späten Nachmittag sehen wir die Hafeneinfahrt von Novigrad. Sarah hat es vor uns geschafft – sie steht am Steg, klein in der Ferne, und winkt. Wir laufen ein. Marina Nautica. Der Marinero kommt mit dem Schlauchboot, lotst uns durch die schmalen Gassen aus Schiffsbug und Schiffsheck.
Und dann sagt er: Nein. Nicht hier. Der Platz ist zu klein.
Er winkt uns durch, ruft etwas Kroatisches, deutet weiter. Dahinten, dahinten.
Was nun folgt, ist das, wovor wir Respekt haben, seit wir wissen, dass dieses Schiff keinen Bugstrahlruder hat. Rückwärts einparken. Eine 13-Meter-Hallberg-Rassy. Ohne Bugstrahlruder. Im fremden Hafen. Beim ersten Mal.
Wir waren bis dahin so verwöhnt. Auf jedem Boot, das wir vorher gefahren sind, gab es eine Taste am Steuerstand – kurz drücken, der Bug bewegt sich, fertig. Hier nicht. Hier zählt nur eines: Geduld, Gefühl, und die kleine Stimme im Kopf, die sagt langsam, langsam, langsam.
Christian am Steuer. Ich an den Leinen. Sebi mit dem großen Kugelfender bereit. Und Sarah, die uns vom Steg aus zuruft. Wir rangieren. Wir manövrieren. Wir spüren, wie das Heck träge zur Seite zieht – und dann, irgendwann, liegen wir. Liegeplatz 13. Erreicht.
Es ist einer dieser Momente, in denen man sich freut, dass es niemand gefilmt hat. Und gleichzeitig nie wieder vergisst, dass man es geschafft hat.
Ein neuer Name
Am Heck der Hallberg-Rassy steht in diesen Stunden noch SAMBA for TWO – WIEN. Eine Familie, ein Schiff, eine Geschichte, die nun zu Ende geht.
Wir feiern den Abend zu viert. Sebi, Sarah, Christian und ich. Wir essen, wir lachen, wir reden über Grado, über die Überfahrt, über das, was als Nächstes kommt. Und dann lösen wir den alten Schriftzug Buchstabe für Buchstabe und lassen einen neuen an den Spiegel kleben.
F-E-E-L-G-O-O-D
Sie hat einen neuen Namen. Und sie hat eine neue Familie.
Bootsleute werden jetzt vielleicht die Augenbraue heben. Schiffstaufen sind eine ernste Sache. Wir machen es leise. Wir machen es zu viert. Wir machen es so, wie es zu uns passt. Sebi am Heck, Sarah daneben, Christian und ich dazu. Und über uns die letzten Sonnenstrahlen eines Tages, der so viel mehr war als eine Überfahrt.
Drei Wochen Grado liegen hinter uns. Vier Stunden Adria. Ein Liegeplatz, der einmal zu klein war. Ein Schiff, das jetzt einen neuen Namen trägt.
Vielleicht ist das mit „nach Hause kommen" gar nicht so kompliziert. Vielleicht ist es einfach das hier:
Du kommst irgendwo an, und die Menschen, die zu dir gehören, sind schon da.






