Es sind unsere letzten Wochen in Novigrad, bevor die Leinen für die große Reise fallen. Beim ersten Mal, vor Jahren, haben wir zu Hause groß Abschied gefeiert – mit Reden, mit Umarmungen, mit diesem seltsamen Gefühl, sich von einem Leben zu verabschieden, das noch gar nicht begonnen hatte. Diesmal haben wir die Feier weggelassen und einfach einen Satz in die Welt geschickt: Wer möchte, kommt zu uns ans Schiff. Was dann geschah, hat uns überwältigt. An manchen Tagen war auf unseren dreizehn Metern mehr Leben als in mancher Wohnung, und fast jeder, der kam, brachte etwas mit. Eine Flasche Wein. Eine Gitarre. Und in einem Fall sogar eine Henne.
Der Auftakt: unsere Tennisrunde
Den Anfang machte unsere Tennisrunde. Eine ganze Truppe hatte ein paar Kilometer weiter, in Poreč, ihr Trainingslager aufgeschlagen, und an einem Nachmittag standen sie plötzlich am Steg. Erst gab es ein, zwei Gläser an Bord, dann zog die ganze Gesellschaft weiter in eine kleine Weinbar in Novigrad, und aus zwei Gläsern wurden vier, aus dem frühen Abend wurde tiefe Nacht. Ich weiß nicht mehr, worüber wir so gelacht haben, aber ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat. Am nächsten Tag sind wir zu ihnen hinübergefahren und haben dem Treiben auf dem Tennisplatz zugesehen. So einen Auftakt hätten wir uns gar nicht ausdenken können.
Sarah war über eine Woche bei uns :-), ach wie schön 😊
Gratkorn kommt – und bringt ein Versprechen mit
Wenige Tage später kündigten sich unsere Freunde aus Gratkorn an. Eigentlich hatten wir nur Sandra und Markus eingeladen, weil die anderen ja beim Tenniscamp waren, und sagten: Kommt vorbei, schlaft bei uns, und gemeinsam fahren wir die Tennisspieler besuchen. Am Ende stand die halbe Gruppe bei uns an Bord, und es wurde wieder ein Abend, der sich bis weit in die Nacht zog. Am selben Abend tauchte auch meine Cousine Claudia mit Doktor Stefan in Novigrad auf, im Gepäck einen Sechserkarton von richtig gutem Wein. Wir saßen bis tief in die Nacht im Cockpit, und über uns drehte sich langsam der Sternenhimmel.
Die Sache mit der Henne
Und dann ist da die Geschichte mit der Henne. Schon bei unserer ersten großen Reise hatte uns ein Maskottchen begleitet, ein Flamingo. Markus, der für seine Einfälle bekannt ist, hatte sich diesmal in den Kopf gesetzt, uns ein Tier mitzugeben: eine echte Henne, die mit uns segelt und jeden Morgen ein frisches Frühstücksei legt. Anfangs haben wir gelacht. Dann bekamen wir leise Bedenken, denn wer Markus kennt, der weiß, dass er umsetzt, was er ankündigt. Würde am Ende wirklich ein gackerndes Federvieh über unsere Planken stolzieren? Er kam tatsächlich mit einer Henne – allerdings mit einer, die niemals ein Ei legen wird. Eine Lampe in Hennenform, die uns von nun an als Nachtlicht an Bord leuchtet. Aus dem Flamingo von damals ist also eine Henne geworden, und sie wird uns über alle Meere begleiten.
Familie und ein Abschied, der diesmal stimmte
Wenige Tage darauf wurde es noch einmal ganz besonders. Christians Schwester Conny hatte sich mit Peter angekündigt, und dann standen plötzlich auch Christians Eltern am Steg, mit der Gitarre unter dem Arm. Daheim hatten wir uns eigentlich schon verabschiedet, aber dieser Abschied war kurz und ein wenig unbeholfen geraten, wie das manchmal ist, wenn man nicht weiß, wie viele Worte die richtigen sind. Diesmal hatten wir Zeit. Vier Tage blieben sie, wir schauten uns die Gegend an, kochten zusammen, und abends spielte Christians Vater Gitarre, während die Lichter des Hafens auf dem Wasser tanzten. So sah der Abschied aus, den wir uns gewünscht hatten.
Kurz darauf kamen Melanie und Hans-Jörg vorbei. Melanie macht gerade ihren Bootsführerschein und wollte eigentlich nur „auf einen Sprung" hereinschauen – woraus, wie konnte es anders sein, ein langer, fröhlicher Tag wurde, an dem wir ihr unser Novigrad zeigten. Und auch von unserem Tennisverein, den Amateuren aus Kapfenberg, bekamen wir Besuch: Blumi mit seiner Frau Dani, und wieder verging ein Tag wie im Flug.
Familie über Pfingsten
Dann kam meine Familie. Dass meine Eltern für eine Woche zu uns aufs Schiff ziehen würden, war von langer Hand geplant – gemeinsam mit Sebastian und Mika wollten wir ein paar ruhige Tage verbringen. Womit wir nicht gerechnet hatten: dass mein Bruder Werner und meine Schwägerin Martina mit ihren Kindern Anna und Simon aus Niederösterreich dazustoßen würden. Sie kamen ausgerechnet am Pfingstwochenende, mitten im großen Stau, und waren stundenlang unterwegs, nur um drei Tage mit uns zu verbringen. Es war ein Traum. Ich habe mich selten so gefreut, ein Auto am Hafen einparken zu sehen.
Was bleibt Und damit war noch nicht Schluss. Ein paar Wochen später, als sie ohnehin wieder in der Gegend war, schaute Sandra mit einer Freundin noch einmal kurz auf einen Aperitif vorbei, und für diese gestohlenen Stunden sind wir besonders dankbar. Über all die Wochen hinweg waren außerdem Sarah, Sebastian und seine Freundin Mika immer wieder bei uns, so oft es nur ging.
Und Mika hat uns einen Moment geschenkt, den wir nie vergessen werden. Sie macht Tuch-Akrobatik, und in der Ankerbuch hängte sie ihre Tücher hoch oben in unser Rigg, über dem offenen, türkisen Wasser. Was sie uns dort vorführte – diese Mischung aus Kraft, Anmut und einem Hauch von Wahnsinn –, ließ uns den Atem anhalten.

Wenn ich heute an diese letzten Wochen in Novigrad zurückdenke, sehe ich kein einzelnes großes Fest. Ich sehe viele kleine Abende, volle Cockpits, leere Weinflaschen und eine Henne, die im Dunkeln leuchtet. Wir wollten leise gehen, und am Ende wurde es das wärmste Abschiednehmen, das wir uns hätten erträumen können.
Die schönsten Abschiede sind die, bei denen am Ende mehr Menschen an Bord stehen, als man je einzuladen gewagt hätte.



















