20. September 2026

Acht Tage, und das Schiff war voll

Unsere Kinder kamen nach Sardinien. Draußen herrschte Warnstufe Rot, Sarah wurde 27 – und aus unserer Lady wurde für acht Tage wieder Familienboot.

Doris, Christian und die Kinder am Abend in der Marina von Cagliari

Zwei Monate lang hatten wir auf diese Tage hingearbeitet. In Sizilien waren wir früher weitergefahren als geplant, weil unsere Kinder Anfang August nach Sardinien kommen sollten. Die 222 Seemeilen von Sizilien nach Villasimius, die Nacht auf See und unsere letzten Tage in Carloforte hatten damit ein ziemlich klares Ziel: rechtzeitig dort sein.

In Carloforte bunkerten wir Lebensmittel und Getränke, bis irgendwann die große Frage auftauchte, die man auf einem Segelboot erstaunlich oft stellt: Wo soll das jetzt noch hin? Es gibt an Bord unfassbar viele Stauräume. Die kreativsten entdeckt man meistens genau dann, wenn eigentlich schon alles voll ist.

Am 4. August war es so weit: Unsere Kinder kamen nach Sardinien. Und aus unserer Lady wurde wieder das, was sie zwischendurch eben auch ist – Familienboot.

Von zwei auf vier – und später auf fünf

Selfie im Beiboot auf dem Weg zurück zum Schiff

Zu zweit hat man auf knapp dreizehn Metern irgendwann ein perfektes System. Jeder kennt seine Plätze, seine Abläufe und vor allem jene Laden, die man besser nicht öffnet, wenn der andere gerade vorbeigeht.

Mit vier Menschen braucht dieses System ungefähr einen halben Tag, um sich vollständig aufzulösen.

Plötzlich lagen Schuhe im Niedergang, Handtücher wechselten scheinbar selbstständig ihren Platz, und unser Wassertank wurde von einer normalen Ressource zu einem Thema, über das Christian auffällig häufig nachdachte.

Wie lange reicht das Wasser noch? Wer duscht wann? Und wo verstauen vier Menschen ihre Sachen, wenn es an Bord zwar unzählige Fächer, aber keinen einzigen Flur gibt?

Christian rechnete. Ich fragte sicherheitshalber noch einmal nach. Die Kinder duschten.

So ungefähr war die Rollenverteilung.

Dafür war das Cockpit voller Stimmen. Beim Essen saßen mehr Menschen am Tisch, Gespräche dauerten länger, und plötzlich war da wieder dieses ganz eigene Familiengefühl, das sich schwer fotografieren lässt.

Das Schiff wurde enger – und fühlte sich gleichzeitig größer an.

Und mittendrin wurde Sarah 27

Sarahs Geburtstag an Bord, mit Luftballons

In diese Tage fiel auch Sarahs Geburtstag.

Sie wurde 27.

Siebenundzwanzig klingt schon sehr erwachsen. Sobald Kinder aber wieder bei den Eltern an Bord sitzen, funktioniert Zeit erstaunlich anders. Dann ist man gleichzeitig längst selbstständig und trotzdem wieder Tochter. Und wir sind wieder Eltern – nur diesmal eben auf einem Segelboot vor Sardinien.

Dass wir ihren Geburtstag tatsächlich gemeinsam verbringen konnten, machte diese Tage für uns noch besonderer. Wochenlang hatten zwischen uns Häfen, Reparaturen, Überfahrten und viele Seemeilen gelegen. Jetzt saßen wir alle zusammen auf unserer Lady.

Solche Momente plant man nicht als Reiseziel.

Aber wenn sie passieren, gehören sie zu denen, die bleiben.

Warnstufe Rot – und wir hatten die einfachste Klimaanlage der Insel

Über Sardinien lag eine Hitzewelle. Jeden Morgen dieselbe Meldung auf dem Handy: Warnstufe Rot.

An Land hieß das Schatten, Klimaanlage und möglichst wenig Bewegung.

Wir hatten keine Klimaanlage.

Wir hatten das Mittelmeer.

Damit war das Tagesprogramm schnell geklärt: ins Wasser springen, wieder hochklettern, ein paar Minuten trocknen und feststellen, dass einem schon wieder heiß ist.

Also noch einmal hinein.

Während an Land schon ein Spaziergang anstrengend war, mussten wir nur ein paar Schritte bis zur Reling machen. Rückblickend hatten wir vermutlich einen der angenehmsten Plätze der Insel erwischt.

Manchmal ist Luxus wirklich erstaunlich einfach.

Cagliari zeigen – und unser Leben gleich mit

Gemeinsam unterwegs in Cagliari

Die ersten Tage blieben wir noch in Cagliari. Wir liefen gemeinsam durch die Stadt und zeigten natürlich auch unsere Lady im Hafen.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, der eigenen Familie ein Zuhause zu zeigen, das sie bisher hauptsächlich aus Fotos und Videos kannte. Für uns war inzwischen völlig normal geworden, dass wir hier schlafen, arbeiten, kochen, Meetings halten und zwischendurch jedes neue Geräusch analysieren.

Unsere Führung hätte ungefähr so klingen können: Hier schlafen wir. Hier arbeiten wir. Hier kochen wir. Hier hört Doris etwas, das vorher noch nie da war. Und hier verschwindet Christian kurz danach mit Werkzeug unter Deck.

Ein eingespieltes System.

Aber bei Warnstufe Rot gibt es Orte, an denen man lange bleiben möchte – und Orte, an denen man lieber die Leinen losmacht.

Cagliari gehörte in diesem Moment eindeutig zur zweiten Kategorie.

Pula, Porto Giunco und die Kunst, nichts zu tun

Unter Segeln mit der ganzen Familie an Bord

Danach ging es hinaus. Pula, Porto Giunco, heller Sandgrund, fünf bis sechs Meter Wassertiefe und Wasser, bei dem man eigentlich schon beim Anschauen schwimmen gehen möchte.

Am 6. August konnten wir sogar segeln. Leichter Wind aus Nordwest, später Südwest – endlich wieder einmal eine Etappe, bei der der Motor nicht automatisch die Hauptrolle spielte.

Und dann passierte genau das, worauf wir uns gefreut hatten: erstaunlich wenig.

Wir lagen vor Anker, jemand sprang ins Wasser, jemand kam wieder hoch, jemand holte etwas zu trinken. Gespräche begannen am Nachmittag und waren Stunden später noch nicht fertig, weil niemand irgendwohin musste.

Kein Sightseeing-Plan. Keine Liste. Kein „Das müssen wir heute noch schaffen".

Nach zwei Monaten voller Technik, Hafentage und Wetterfenster war dieses Nichtstun plötzlich fast luxuriös.

Wir hatten Zeit.

Und die richtigen Menschen an Bord.

Pizza per Beiboot

Irgendwann war die Bordküche bei dieser Hitze keine besonders attraktive Option mehr. Kochen auf einem Segelboot bedeutet ohnehin wenig Platz. Bei über dreißig Grad kommt noch das Gefühl dazu, dass der Herd eigentlich aus Mitgefühl geschlossen bleiben sollte.

Also fiel eine sehr vernünftige Entscheidung: Heute wird nicht gekocht.

Das Beiboot wurde zum Lieferdienst.

Mission Pizza.

Eine Weile später kam es mit Pizzakartons zurück und sah für einen kurzen Moment tatsächlich wie ein italienischer Lieferservice auf See aus. Kein App-Tracking, kein Mindestbestellwert und ziemlich sicher die schönste Zustellroute des Tages.

Wir saßen im Cockpit, unsere Lady lag ruhig vor Anker, vor uns Pizza und rundherum Wasser.

Es gibt Restaurants, die erheblich teurer sind und deutlich weniger Aussicht bieten.

Dann kam Tobias noch dazu

Am 7. August wurde unsere Lady noch einmal voller. Tobias kam dazu, und damit waren wir zu fünft.

Wir trafen ihn in Villasimius. Und als wäre die Welt nicht ohnehin schon klein genug, war dort auch sein Chef mit seiner Familie. Aus einem normalen Abend wurde spontan ein gemeinsames Essen mit einer ziemlich großen Runde.

Da fährt man wochenlang mit dem Segelboot durch Kroatien, Italien und rund um Sardinien und sitzt plötzlich irgendwo auf der Insel mit Menschen aus dem eigenen Alltag am Tisch.

Weltreise kann manchmal erstaunlich klein sein.

Danach ging es wieder hinaus. Ankern, baden, reden und das Leben auf dreizehn Metern neu organisieren. Tobias blieb drei Tage, und spätestens jetzt bewies unsere Lady, dass auf einem Segelboot erstaunlich viele Menschen Platz haben.

Vorausgesetzt, niemand sucht gleichzeitig seine Schuhe.

Sechzehn Seemeilen können sehr lange dauern

Sonnenuntergang am Bug, zwei sitzen nebeneinander

Am 9. August machten wir uns langsam wieder auf den Weg Richtung Cagliari. Dazwischen lagen Villasimius, die Spiaggia di Campulongu und Torre delle Stelle.

Sechzehn Seemeilen könnte man ziemlich schnell hinter sich bringen.

Oder man macht daraus fast einen ganzen Tag.

Wir entschieden uns für Variante zwei.

Bei diesem Wasser wäre alles andere fast unhöflich gewesen.

Noch einmal ankern, noch einmal schwimmen, noch ein bisschen länger bleiben, obwohl man theoretisch längst weiterfahren könnte.

Genau darin liegt vielleicht einer der größten Unterschiede zwischen Strecke machen und Reisen.

Strecke machen heißt: möglichst effizient von A nach B.

Reisen heißt manchmal: B muss warten.

Der letzte Abend kommt immer zu früh

Die letzten beiden Tage verbrachten wir wieder in Cagliari. Wir gingen noch einmal gemeinsam durch die Stadt, aßen miteinander und taten ein bisschen so, als wären acht Tage eigentlich eine sehr lange Zeit.

Bis plötzlich der letzte Abend da war.

Wir gingen gemeinsam essen und hatten einen dieser Abende, an denen niemand besonders gern auf die Uhr schaut. Man redet über die vergangenen Tage, erinnert sich an kleine Situationen und lacht über Dinge, die erst mit ein bisschen Abstand richtig lustig werden.

Und gleichzeitig schiebt man den Gedanken weg, dass es morgen wieder stiller sein wird.

Acht Tage sind nämlich gleichzeitig erstaunlich lang und viel zu kurz.

Halb vier in der Früh

Der Flieger ging früh.

Sehr früh.

Um halb vier in der Nacht machten sich die Kids auf den Weg.

Eine Marina fühlt sich um diese Uhrzeit völlig anders an. Keine Stimmen auf den Stegen, kaum Bewegung, nur gedämpftes Licht und dieses merkwürdige Gefühl, dass die ganze Welt schläft, während man selbst schon Abschied nimmt.

Wir umarmten uns, sagten die üblichen Sätze – „Meldet euch, wenn ihr angekommen seid" – und irgendwann verschwanden die Taschen und Schritte in der Dunkelheit.

Dann gingen wir zurück auf unsere Lady.

Und sie fühlte sich sofort anders an.

Ein Foto der gemeinsamen Tage, in der Hand gehalten vor dem Meer

Acht Tage lang war sie voller Stimmen, Schuhe, Handtücher, Essen, Gespräche und Menschen gewesen. Jetzt waren die Kojen wieder leer und das Cockpit wirkte plötzlich größer.

Ehrlich gesagt war das gleichzeitig angenehm und ziemlich traurig.

Familienleben auf dreizehn Metern ist offenbar genau das: Man freut sich über zwei Quadratmeter freien Platz – und vermisst fünf Minuten später die Person, die vorher dort im Weg stand.

Und dann ruft schon die nächste Etappe

Noch am selben Tag bunkerten wir Diesel.

Nach so einem Abschied klingt das fast absurd nüchtern, aber genau so funktioniert dieses Leben inzwischen.

Man kann jemanden vermissen und gleichzeitig den Wetterbericht öffnen. Man kann traurig sein und trotzdem tanken. Und man kann noch an die vergangenen acht Tage denken, während man bereits die nächste Route plant.

Denn nur zwei Tage später lagen rund 210 Seemeilen offenes Meer vor uns. Die Balearen waren unser nächstes Ziel.

Das Wetterfenster würde nicht darauf warten, bis wir damit fertig waren, dass es an Bord plötzlich wieder so still geworden war.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten und seltsamsten Seiten dieser Reise: Menschen kommen an Bord und machen unser kleines Zuhause für ein paar Tage vollkommen voll. Sie bringen Taschen, Stimmen, Schuhe, Handtücher und ihr ganzes Leben mit hinein.

Wenn sie wieder gehen, nehmen sie einen Teil dieser Fülle mit.

Zurück bleiben leere Kojen, volle Erinnerungen – und mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit irgendwo noch ein Handtuch, das niemandem von uns gehört.

Acht Tage lang war unsere Lady Familienboot statt Weltreiseboot. Sarah wurde 27, wir waren zeitweise zu fünft auf dreizehn Metern, haben das Mittelmeer zur Klimaanlage erklärt, Pizza per Beiboot geholt und sehr wenig Programm gemacht.

Und genau so sollte es sein.

Denn manche der schönsten Etappen dieser Reise werden nicht in Seemeilen gemessen. Sondern daran, wer mit an Bord war.