22. September 2026  ·  13.–18.08.2026

Wir wollten eigentlich woandershin

Gute Reisepläne halten bei uns ungefähr bis zum nächsten Wetterfenster

Doris und Christian im Cockpit auf der Überfahrt

Eigentlich wollten wir nach Torrevieja.

Dort sollten Rigg und Motor noch einmal gründlich kontrolliert werden, bevor es irgendwann Richtung Atlantik geht. Vernünftig, logisch und längst beschlossen.

Sechs Tage später lagen wir in Valencia.

Dazwischen: Menorca, Mallorca, zwei längere Überfahrten, ziemlich wenig Wind und mehrere Entscheidungen, die unterwegs entstanden sind. Unser Reiseplan hatte sich nicht mit einem großen Knall verabschiedet. Er war einfach Schritt für Schritt in eine andere Richtung gelaufen.

Nach dem Abschied von den Kindern fuhren wir erst einmal zurück nach Porto Pino. Die Bucht kannten wir inzwischen gut: heller Sand, guter Ankergrund, viel Platz. Genau das Richtige, wenn man gerade keine Lust auf neue Überraschungen hat.

Wir ließen den Anker fallen und warteten auf ein brauchbares Wetterfenster. Diesmal ausnahmsweise nicht auf einen Techniker, kein Ersatzteil und auch keinen Mechaniker. Nur auf Wind. Fast ungewohnt.

Während unsere Lady ruhig vor Anker lag, kam aber immer wieder dieselbe Frage auf: Fahren wir wirklich nach Torrevieja?

Je länger wir darüber sprachen, desto weniger fühlte sich der Plan noch richtig an. Nicht falsch. Nur irgendwie nicht mehr passend. Irgendwann saßen wir im Cockpit und sagten: „Wir fahren erst einmal nach Menorca." Und danach? Danach schauen wir weiter.

Das war überraschend befreiend. Wir mussten nicht in Porto Pino schon jede Entscheidung für die nächsten Wochen treffen. Wir konnten sie einfach mitnehmen.

Erst einmal Richtung Menorca

Am 13. August hoben wir den Anker. Vor uns lagen 210 Seemeilen offenes Meer.

Der Wind kam aus Nord bis Nordwest und war schwach, gerade so, dass man immer wieder dachte: Jetzt müsste es doch eigentlich gehen.

Am Nachmittag passte es dann tatsächlich. Wir setzten die Segel, der Motor verstummte, und plötzlich war da nur noch dieses Geräusch, das wir auf dieser Reise viel zu selten hören: Wasser am Rumpf und Wind in den Segeln.

Fast zehn Stunden konnten wir am Stück segeln. Für eine Segelweltreise klingt das vielleicht nicht besonders spektakulär. Für uns war es inzwischen fast ein kleiner Feiertag.

Irgendwann schlief der Wind wieder ein und unser Yanmar musste übernehmen. Seit dem Mechaniker in Palmi wissen wir ja, dass unser Motor offenbar nicht geschont, sondern beschäftigt werden möchte. Also bekam er Beschäftigung.

Unterwegs zogen dann noch zwei Nachbarn an uns vorbei, die unsere Lady plötzlich erstaunlich klein wirken ließen: die ALSAID und die MSC World Europa.

Normalerweise fühlt sich unser Schiff für uns ziemlich groß an. Immerhin leben wir darauf, arbeiten darauf und verstauen darin Dinge, von denen wir manchmal selbst nicht mehr wissen, dass wir sie besitzen.

Dann fährt so ein Schiff vorbei und knapp dreizehn Meter wirken auf einmal ziemlich niedlich.

„Die haben wahrscheinlich Badezimmer, die größer sind als unser Salon."

Vermutlich nicht einmal übertrieben. Dafür finden wir leichter einen Ankerplatz. Unentschieden.

Menorca begann mit Diesel

Der Wachturm an der Einfahrt nach Mahón

Am 14. August erreichten wir Menorca und ankerten vor Mahón.

Nach einer längeren Überfahrt könnte man jetzt an einen gemütlichen Spaziergang denken, vielleicht an Kaffee in der Altstadt oder einen ersten Inseltag.

Unsere wichtigste Aktivität am nächsten Morgen war allerdings: tanken.

Um 09:38 Uhr lagen wir an der Zapfsäule. Danach waren beide Tanks voll und wir erstaunlich zufrieden. Die Definition von Glück verändert sich unterwegs gelegentlich deutlich.

Anschließend ankerten wir wieder in Mahón, ruhig und geschützt, mitten in einem der größten Naturhäfen des Mittelmeers. Und ohne Liegegebühr.

Nach mehreren Marina-Rechnungen kann auch „gratis ankern" sehr romantisch klingen.

Dann merkten wir, dass wir gerade gar keine Inselrunde wollten

Eigentlich hätten wir jetzt Zeit gehabt. Menorca anschauen, dann weiter nach Mallorca, Buchten entdecken, an Land gehen, ein paar Tage hier, ein paar Tage dort.

Klingt wunderbar. Nur war Mitte August. Und gefühlt jedes Boot Europas hatte dieselbe Idee.

Gut gefüllte Ankerbucht Mitte August

Die Buchten waren voll. Geankert wurde eng. Manchmal so eng, dass man beim Nachbarn fast hätte fragen können, ob drüben noch Kaffee übrig ist.

Wir merkten ziemlich schnell, dass wir darauf gerade überhaupt keine Lust hatten. Nach Reparaturen, Familienbesuch, Abschied und vielen Wochen voller Organisation wollten wir nicht schon wieder ständig beobachten, ob ein anderer Anker vielleicht zu nahe liegt oder jemand beim Schwojen in unsere Richtung kommt.

Wir wollten Ruhe.

Damit war Torrevieja plötzlich aus dem Plan verschwunden und Valencia hineingerutscht. Nicht nach stundenlanger Analyse, sondern einfach, weil es in diesem Moment sinnvoller erschien.

Unser Reiseplan hatte zu diesem Zeitpunkt ungefähr die Haltbarkeit von Eis in der Augustsonne.

Ganz ohne Menorca wollten wir aber auch nicht weiter

Bevor wir Menorca hinter uns ließen, machten wir noch einen Abstecher an die Nordküste.

Eine wunderschöne Bucht, guter Ankergrund, Ruhe. Kein großes Programm, kein Pflichtpunkt, einfach hinfahren, ankern und bleiben, solange es sich gut anfühlt.

Genau solche Stopps mögen wir inzwischen besonders. Vielleicht gerade deshalb, weil vorher niemand gesagt hat: Das müsst ihr unbedingt sehen.

Manchmal bleiben die ungeplanten Orte stärker hängen als die, auf die man sich wochenlang vorbereitet hat.

Mallorca zeigte uns eine Seite, die wir kaum kannten

Schroffe Felswände fallen direkt ins Meer

Am 16. August ging es weiter nach Mallorca. Der Wind half uns kaum, also musste wieder der Motor übernehmen.

Wir kamen an die Westküste der Insel und standen plötzlich im Cockpit und schauten nach oben.

Hohe, schroffe Felswände fielen direkt ins Meer. Die Küste war steil, wild und fast dramatisch. Dazwischen kleine Buchten und tiefblaues Wasser.

Ganz anders als das Mallorca, das viele im Kopf haben.

Wir kannten die Insel, zumindest glaubten wir das. Diese Seite kannten wir nicht.

Und genau das mögen wir am Reisen: Ein Ort, von dem man überzeugt ist, ihn längst zu kennen, zeigt plötzlich noch etwas völlig anderes.

Mallorca sagte uns damit ziemlich deutlich: Ihr kennt mich noch lange nicht ganz.

Dann einfach rüber aufs Festland

Am 17. August ging es weiter Richtung spanisches Festland.

Vor uns lagen noch einmal 162 Seemeilen. Der Wind war erneut schwach und unterstützte eher moralisch als praktisch, also lief der Motor.

Unsere Lady zog Richtung Valencia, und irgendwann tauchte das Festland vor uns auf.

Am 18. August um 11:11 Uhr liefen wir ein.

Erst beim Festmachen wurde uns so richtig bewusst, was in diesen sechs Tagen passiert war: 451 Seemeilen, zwei längere Überfahrten, Menorca, Mallorca und jetzt Valencia.

Dabei wollten wir eigentlich nach Torrevieja.

Angekommen, obwohl es gar nicht geplant war

Als wir schließlich in Valencia festmachten, mussten wir lachen. Diese Stadt war ursprünglich gar nicht unser Ziel gewesen, nicht einmal Plan B. Eigentlich wollten wir nach Torrevieja, dann erst einmal nach Menorca und vielleicht noch ein bisschen Mallorca anschauen. Irgendwo unterwegs hatte sich daraus Valencia entwickelt.

Früher hätten uns so viele Planänderungen vermutlich nervös gemacht. Heute gehören sie zu unserem Reisen dazu. Wir planen weiterhin, schauen aufs Wetter, überlegen Routen und wissen, was vor dem Atlantik noch erledigt werden muss. Aber wir halten unsere Pläne inzwischen lockerer fest und reagieren stärker auf das, was unterwegs tatsächlich Sinn macht.

Wenn eine Bucht zu voll ist, fahren wir weiter. Wenn uns eine Küste überrascht, bleiben wir länger. Und wenn Valencia plötzlich besser passt als Torrevieja, dann wird aus einem alten Plan eben ein neuer.

Als wir dort ankamen, wussten wir noch nicht, dass wir elf Tage bleiben würden. Wir waren einfach froh, festgemacht zu haben, sahen uns kurz an und dachten: Für heute reicht es. Den Rest entscheiden wir morgen.

Und genau so beginnt bei uns erstaunlich oft die nächste Geschichte.