24. September 2026  ·  18.–29.08.2026

Eigentlich wollten wir gar nicht nach Valencia

Geplant war ein Zwischenstopp. Am Ende blieben wir elf Tage.

Doris und Christian vor dem Turm der Kathedrale von Valencia

Valencia stand auf keinem unserer großen Pläne. Eigentlich wollten wir nach Torrevieja, dort Rigg und Motor noch einmal gründlich überprüfen lassen und die Dinge erledigen, die man vor einer Atlantiküberquerung lieber nicht auf später verschiebt. Die Route war klar, die Aufgaben ebenfalls, und damit hätte die Sache eigentlich erledigt sein können.

Dann saßen wir wieder einmal im Cockpit und machten das, was wir auf dieser Reise erstaunlich oft tun: einen längst beschlossenen Plan noch einmal infrage stellen.

„Warum fahren wir eigentlich nicht ganz woanders hin? Barcelona vielleicht. Oder Valencia."

So ungefähr begann es.

Barcelona klang sofort spannend, lag aber schlicht in die falsche Richtung. Nach Norden zu fahren, nur um später wieder nach Süden zu müssen, passte nicht zu unserem weiteren Kurs. Valencia hingegen lag praktisch auf dem Weg. Also begannen wir zu telefonieren und zu schreiben. Gibt es dort jemanden für den Riggcheck? Finden wir einen guten Motorenmechaniker? Können wir noch andere Arbeiten erledigen lassen?

Die Antworten kamen schnell und waren überraschend eindeutig: Ja, alles machbar.

Damit war der Plan, der eigentlich so festgestanden hatte, plötzlich Geschichte. Nicht mit großem Drama, sondern eher mit diesem stillen Gefühl, dass etwas anderes gerade einfach besser passt.

Ein Ziel, das plötzlich Sinn ergab

Im Nachhinein war Valencia sogar noch die bessere Entscheidung, als wir damals wissen konnten. In den Tagen danach wurde das Wetter rund um Mallorca und Ibiza deutlich unruhiger, Gewitter zogen auf und die Bedingungen verschlechterten sich. Wir lagen zu diesem Zeitpunkt bereits sicher am spanischen Festland.

Manchmal trifft man eine Entscheidung aus ganz praktischen Gründen und merkt erst später, dass sie einen nebenbei auch noch vor etwas bewahrt hat. Das fühlt sich im Rückblick immer ein bisschen so an, als hätte man alles genau so geplant.

Hatten wir natürlich nicht.

Am 18. August um 11:11 Uhr liefen wir in Valencia ein. Geplant war ein Zwischenstopp. Am Ende blieben wir elf Tage.

Unser längster Landaufenthalt auf dieser Reise bis dahin.

Valencia war plötzlich mehr als nur Werft und Checkliste

Der erste Grund für den längeren Aufenthalt war natürlich das Boot. Riggcheck, Motorcheck und einige andere Dinge standen an, die wir vor dem Atlantik erledigt haben wollten. Aber sehr schnell merkten wir, dass Valencia sich nicht wie ein reiner Technikstopp anfühlte.

Die Stadt zog uns hinein.

Normalerweise sind wir mittlerweile ziemlich entspannt, was Sehenswürdigkeiten betrifft. Wir müssen nicht alles gesehen haben, nur weil irgendeine Liste behauptet, dass man es gesehen haben muss. In Carloforte waren wir glücklich damit, einfach durch die Gassen zu laufen und an einem Platz unter vier Bäumen zu sitzen.

Valencia war anders.

Die Stadt ist so abwechslungsreich, dass wir ständig das Gefühl hatten, hinter der nächsten Ecke wartet wieder etwas, das wir doch noch sehen wollen. Historische Gebäude, große Plätze, enge Gassen, moderne Architektur – und zwischendrin immer wieder Orte, an denen man einfach stehen bleibt und schaut.

Eines der alten Stadttore von Valencia

Besonders die Kathedrale hatte es uns angetan. Schon beim Betreten ändert sich die Stimmung komplett. Draußen die Wärme, Stimmen und Bewegung der Stadt, drinnen plötzlich Kühle, hohe Mauern und diese besondere Ruhe, die alte Kirchen haben.

Blick in die Kuppel mit Deckenfresken

Man muss gar nicht jede Jahreszahl kennen, um beeindruckt zu sein. Man schaut nach oben, entdeckt Details, geht ein paar Schritte weiter und sieht wieder etwas anderes. Solche Orte sind schwer auf Fotos festzuhalten, weil nicht das Gebäude allein beeindruckt, sondern das Gefühl, mitten darin zu stehen.

Vom Kirchenraum direkt zur Markthalle

Nach so viel Geschichte braucht es irgendwann etwas Bodenständiges. Dafür war der Mercado Central perfekt.

Wenn eine Stadt eine große Markthalle hat, müssen wir hinein. Das ist inzwischen fast ein ungeschriebenes Reisegesetz.

Drinnen war alles, was man sich vorstellen kann: Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Schinken, Gewürze und jede Menge Dinge, bei denen wir erst einmal genauer hinschauen mussten. Wir gingen langsam durch die Gänge, probierten hier etwas, blieben dort stehen und stellten schnell fest, dass „nur schauen" in so einer Markthalle keine realistische Strategie ist.

Natürlich gab es Schinken. Und Austern.

Das Lustige daran: Vor dieser Reise hatten wir noch nie Austern gegessen. Jetzt standen wir schon wieder vor einem Stand und dachten völlig selbstverständlich: Ja, nehmen wir.

Offenbar entwickelt man unterwegs nicht nur neue Routen, sondern auch neue Gewohnheiten.

Unser Freund Kurt sagt immer: „Auf alles können wir verzichten, nur nicht auf Luxus."

An diesem Tag nahmen wir ihn ernst.

Irgendwann kündigten die Füße

Der rote Hop-on-Hop-off-Bus in Valencia

Wir waren viel zu Fuß unterwegs, und irgendwann war klar, dass selbst die schönste Stadt weniger charmant wirkt, wenn man nur noch darüber nachdenkt, wo man sich hinsetzen kann.

Also entschieden wir uns für einen Hop-on-Hop-off-Bus.

Früher hätten wir vielleicht noch gedacht, das sei ein bisschen touristisch. Nach einigen Stunden zu Fuß denkt man deutlich großzügiger über Bequemlichkeit.

Zwei Stunden lang ließen wir Valencia an uns vorbeiziehen. Plötzlich sahen wir Stadtteile und Gebäude, die wir zu Fuß vermutlich nicht mehr geschafft hätten, und konnten dabei sogar sitzen.

Manchmal ist die beste Reiseentscheidung nicht besonders abenteuerlich. Manchmal ist sie gepolstert.

Die Bar, die eigentlich fast keine war

Die Ausschank an der Hausecke mit den Aperol-Flaschen

Einer unserer Lieblingsfunde war eine „Bar", die streng genommen kaum eine Bar war.

Fast fünf Sterne bei Google, jede Menge gute Bewertungen – und vor Ort fanden wir eine Ausschank an einer Hausecke, vier Barhocker und eine Schlange von Menschen, die offensichtlich alle wussten, warum sie dort standen.

Das mussten wir testen.

Agua de Valencia und Aperol, direkt an der Straßenecke

Also bestellten wir ein Agua de Valencia und einen Aperol und standen dort mitten im Straßenleben. Kein schickes Interieur, keine riesige Karte, keine Terrasse mit Designermöbeln. Nur ein paar Hocker, gute Getränke und eine Ecke, an der ständig Leute ankamen.

Es war genau unser Ding.

Vielleicht auch deshalb, weil der Ort nichts darstellen wollte. Er funktionierte einfach.

Christian entdeckt den Sieben-Euro-Luxus

Irgendwann war dann noch ein Friseur fällig.

Christians Haare standen seitlich inzwischen so weit ab, dass man es nicht mehr mit „lässigem Seglerlook" erklären konnte. In Spanien ist das glücklicherweise kein großes Problem. Friseure gibt es gefühlt überall.

Christian fand einen kleinen Laden und kam später erstaunlich zufrieden zurück. Der Friseur hatte ihm nicht nur die Haare geschnitten, sondern zum Abschluss auch noch den Rücken massiert.

Schon das war überraschend genug. Dann kam der Preis.

Sieben Euro. Für Haarschnitt und Rückenmassage.

Wir mussten tatsächlich noch einmal nachfragen, ob wir das richtig verstanden hatten. Für die Zeit und die Arbeit war das absurd wenig, also bedankte sich Christian entsprechend großzügig.

Dafür sah er wieder aus wie jemand, der bewusst eine Frisur trägt. Und war zusätzlich entspannt.

Valencia hatte seine Vorteile.

Während wir die Stadt genossen, wurde unsere Lady fit gemacht

Natürlich war unser Aufenthalt nicht nur Urlaub. Der eigentliche Grund für Valencia lief die ganze Zeit nebenher.

Riggcheck, Motorcheck und verschiedene weitere Arbeiten wurden erledigt, damit wir mit einem guten Gefühl weiter Richtung Atlantik konnten. Diesmal war das angenehm, weil sich Technik und Stadt gut miteinander verbinden ließen. Während an der Lady gearbeitet wurde, konnten wir Valencia entdecken.

Kein Gefühl von: Wir sitzen fest. Eher: Wenn wir schon hier sind, machen wir das Beste daraus.

Wie genau der Riggcheck ausgegangen ist, was beim Motor geprüft wurde und welche weiteren Vorbereitungen wir für den Atlantik getroffen haben, erzählen wir noch in einem eigenen Beitrag.

Nur so viel: Als wir Valencia verließen, fühlte sich die Lady wieder ein Stück bereiter an. Und wir auch.

Elf Tage später

Am 28. August kamen Conny und Peter an Bord. Einen Tag später legten wir wieder ab.

Aus einem Werfttermin in Torrevieja, den wir nie wahrgenommen hatten, waren elf Tage Valencia geworden. Wir hatten wichtige Arbeiten erledigt, eine Stadt entdeckt, die vorher kaum auf unserem Radar gewesen war, Austern gegessen, uns durch eine Markthalle probiert, zwei Stunden bequem im Bus gesessen und einen Sieben-Euro-Haarschnitt erlebt, über den wir wahrscheinlich länger gesprochen haben als über manche Sehenswürdigkeit.

Valencia war nicht geplant gewesen. Vielleicht hat es uns genau deshalb so gut gefallen.

Wir waren ohne große Erwartungen angekommen und mussten nichts mit einem Bild vergleichen, das wir schon im Kopf hatten. Wir konnten die Stadt einfach nehmen, wie sie war.

Und manchmal sind genau das die Orte, die am längsten bleiben.

Doris und Christian in der Altstadt von Valencia

Als wir am nächsten Morgen wieder die Leinen lösten, hatten wir natürlich erneut einen Plan.

Aber nach Valencia wussten wir endgültig, wie ernst wir unsere Pläne nehmen sollten:

Wichtig genug, um eine Richtung zu haben – und locker genug, um sie unterwegs ändern zu dürfen.