Hallo ihr Lieben,
hier meldet sich wieder Flami.
Henriette führt neuerdings eine Statistik.
Ich bemerkte das erst, als sie eines Morgens sehr konzentriert auf unsere Reiseroute blickte und dabei dieses Gesicht machte, das bei ihr normalerweise bedeutet, dass gleich jemand zur Verantwortung gezogen wird.
„Was machst du da?", fragte ich.
„Ich ermittle die durchschnittliche Lebensdauer."
„Von was?"
„Von euren Reiseplänen."
Ich fand das unfair.
Damals.
Inzwischen muss ich zugeben: Die Datenlage ist ziemlich eindeutig.
Seit unserer letzten Bilanz wollten Doris und Christian unter anderem nach Torrevieja und landeten in Valencia. Conny wollte ursprünglich sogar ein Stück Atlantik mitsegeln und bekam stattdessen sechs Tage spanische Küste inklusive eines Seitenfensters, das seine Reise vorzeitig beendete. Eine Windsteueranlage, die eigentlich gekauft werden sollte, führte zu einem 400-Kilometer-Ausflug Richtung Barcelona und kam schließlich als Geschenk zurück. Und auf dem Weg nach Lanzarote bekamen wir möglicherweise Orcas, definitiv Kreuzsee, Flaute, einen Motor mit bemerkenswertem Ölbedarf und einen kleinen Vogel, der unsere Lady mitten auf dem Atlantik kurzerhand zur Raststation erklärte.
Henriette nennt das „fehlende Planstabilität".
Ich nenne es Weltreise.
„Natürlich tust du das", sagte sie.
Trotzdem ist in diesen Wochen etwas passiert, das selbst Henriette nicht vollständig in ihre Tabellen bekommt. Unsere Lady war Familienboot, Gästezimmer, Büro, Werkstatt und schließlich für fünf Tage unser ganzes kleines Universum mitten auf dem Atlantik. Menschen kamen an Bord und gingen wieder, alte Geschichten tauchten plötzlich erneut auf, Pläne verschwanden und neue entstanden.
Und irgendwo dazwischen habe ich wieder ein paar Hinweise darauf gefunden, wo sich dieses verdammte Glück eigentlich versteckt.
Henriette möchte an dieser Stelle festhalten, dass es sich nach ihrer Einschätzung auffällig häufig in unmittelbarer Nähe zu ungeplanten Ausgaben befindet.
Ich ignoriere das.
Noch.
Fünf Menschen auf dreizehn Metern
Anfang August kamen die Kinder nach Sardinien. Wochenlang hatten Doris und Christian darauf hingearbeitet, rechtzeitig dort zu sein, und plötzlich war unsere Lady nicht mehr nur Zuhause, Büro und gelegentliche Werkstatt, sondern Familienboot.
Erst waren vier Menschen an Bord, später sogar fünf. Das Cockpit war voller Stimmen, beim Essen saßen alle dicht beieinander, ständig wurde geredet, gelacht und irgendwo etwas gesucht.
Ich fand es wunderbar.
„Siehst du, Henriette? Das Schiff ist voller Leben."
Henriette betrachtete mehrere Paar Schuhe im Niedergang und ein Handtuch, dessen Besitzer offenbar nicht mehr eindeutig feststellbar war.
„Das Schiff ist voll."
Ich erklärte ihr, dass Familie eben Nähe bedeutet.
„Ich habe nichts gegen Nähe. Ich hätte nur gerne wieder Zugang zum Niedergang."
Auf dreizehn Metern bekommt Zusammenleben tatsächlich eine gewisse Intensität. Zu zweit wissen Doris und Christian ziemlich genau, wem welche Tasse gehört, wo die Handtücher hängen und welche Lade man besser nicht öffnet, wenn der andere gerade vorbeigeht. Mit fünf Menschen löst sich dieses hoch entwickelte System innerhalb weniger Stunden auf.
Handtücher tauchten an völlig neuen Orten auf, Schuhe entwickelten offenbar eigene Wanderbewegungen, und Christian begann regelmäßig zu berechnen, wie lange der Wasservorrat noch reichen würde.
„Jetzt verstehe ich Freiheit", sagte Henriette eines Morgens.
Ich war begeistert. „Wirklich?"
„Ja. Man kann überallhin fahren und anschließend exakt berechnen, wie viele Minuten noch geduscht werden darf."
Ich wollte widersprechen, aber genau in diesem Moment fragte wieder jemand nach dem Wasserstand.
Henriette nickte zufrieden.
An Land herrschte währenddessen Warnstufe Rot wegen der Hitze. Andere Menschen suchten Schatten und Klimaanlagen, wir hatten das Mittelmeer direkt neben unserem Wohnzimmer. Also sprang jemand ins Wasser, kam wieder hoch, trocknete ungefähr drei Minuten und stellte fest, dass es bereits wieder heiß war.
„Luxus kann so einfach sein", sagte ich.
„Und wartungsarm", ergänzte Henriette. „Kein Filterwechsel, kein Stromverbrauch. Solide Lösung."
Völlige Einigkeit erreichten wir allerdings erst an jenem Abend, an dem niemand mehr Lust hatte, in der heißen Bordküche zu kochen. Das Beiboot wurde zum Pizza-Lieferdienst erklärt und kam wenig später mit Kartons zurück.
Wir saßen im Cockpit, rundherum Wasser, vor uns Pizza und über uns sardischer Sommer.
Ich sah Henriette an. „Jetzt sag bitte nicht, dass das kein Glück ist."
Sie betrachtete die Pizza, dann die Familie und schließlich das Meer.
„Ich sehe aktuell keinen wesentlichen Mangel."
Das war bei Henriette ungefähr so emotional wie bei anderen Menschen ein Heiratsantrag.
Acht Tage später gingen die Kinder um halb vier Uhr morgens von Bord. Die Taschen verschwanden, die Schritte wurden auf dem Steg leiser, und innerhalb weniger Minuten war unsere Lady wieder still. Keine zusätzlichen Stimmen, keine fremden Schuhe und niemand, der gerade genau dort stand, wo man selbst hinwollte.
Ich fand die leeren Kojen traurig.
Henriette ebenfalls, obwohl sie das selbstverständlich anders formulierte.
„Die akustische Auslastung ist deutlich gesunken."
„Du vermisst sie."
Sie sah kurz in Richtung Cockpit. „Ich gewöhne mich gerade an den freien Durchgang."
Sie wird weich.
Sehr langsam und unter strenger Aufsicht.
Der Reiseplan wird erstmals herabgestuft
Nach Sardinien gab es einen ausgesprochen vernünftigen Plan: Torrevieja. Dort sollten Rigg und Motor kontrolliert und einige Dinge erledigt werden, bevor es irgendwann weiter Richtung Atlantik ging.
Henriette war zufrieden.
Endlich Struktur.
Sechs Tage später lagen wir in Valencia.
Henriette schaute auf die Stadt, dann auf mich und anschließend noch einmal auf die Stadt. Diesen Blick kannte ich inzwischen. Er bedeutet ungefähr: Ich würde gerne mit jemandem aus der verantwortlichen Abteilung sprechen.
„Flami, wo ist Torrevieja?"
„Weiter südlich."
„Und wo sind wir?"
„Valencia."
Sie schwieg einen Moment. „Gut. Dann liegt es zumindest nicht an meinen geografischen Kenntnissen."
Ich erklärte ihr, dass es unterwegs eben anders gekommen war. Erst Menorca, dann Mallorca, volle Buchten, wenig Wind, neue Überlegungen – und irgendwann passte Valencia einfach besser.
Henriette hörte sich alles erstaunlich geduldig an.
„Das heißt also, Doris und Christian machen einen Plan, damit sie unterwegs entscheiden können, etwas anderes zu machen?"
„So ungefähr."
„Dann habe ich das Konzept Planung bisher falsch verstanden."
Ich versuchte ihr zu erklären, dass genau darin Freiheit liege. Man braucht eine Richtung, muss aber nicht sklavisch daran festhalten.
Henriette dachte darüber nach.
„Gut. Dann nenne ich es ab sofort nicht mehr Reiseplan."
„Sondern?"
„Unverbindliche Absichtserklärung."
Ich fand das etwas streng.
Valencia erwies sich allerdings als Volltreffer. Rigg und Motor konnten kontrolliert werden, aus einem kurzen Technikstopp wurden elf Tage, und plötzlich standen Markthalle, Kathedrale, Austern und Agua de Valencia auf dem Programm.
Henriette blieb skeptisch.
Bis Christian zum Friseur ging.
Als er zurückkam und erzählte, dass Haarschnitt und Rückenmassage zusammen sieben Euro gekostet hatten, richtete sie sich augenblicklich auf.
„Sieben Euro?"
„Ja."
„Mit Massage?"
„Ja."
Henriette sah nachdenklich in Richtung Stadt.
„Ich möchte meine Kritik an der unverbindlichen Absichtserklärung teilweise zurückziehen."
„Weil Valencia so schön ist?"
„Eine Stadt mit solchen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verlässt man nicht leichtfertig."
Seit diesem Tag betrachtet Henriette unsere Weltreise zunehmend auch aus makroökonomischer Perspektive.
Die Vergangenheit kommt zurück – ordnungsgemäß verschraubt
Für den Atlantik wollten Doris und Christian zusätzlich eine Windsteueranlage. Eine zweite Möglichkeit, unsere Lady zu steuern, unabhängig vom Bordstrom.
Dabei fiel ihnen Artur ein.
Artur besitzt heute die Dancing Pearl – das Schiff, mit dem Doris und Christian 2019 ihre erste große Segelreise gemacht hatten.
Meine alte Heimat.
Damals war ich übrigens Häuptling.
Ich erwähne das gelegentlich, weil ehemalige Führungspositionen auf diesem Schiff erstaunlich wenig Anerkennung finden.
Doris und Christian fragten Artur, ob er seine Windsteueranlage verkaufen würde. Artur wollte jedoch kein Geld.
Er schenkte sie ihnen.
Ich war sofort gerührt.
„Henriette! Ein Teil der Dancing Pearl kommt zurück. Verstehst du, was das bedeutet? Ein Stück unserer ersten großen Reise begleitet uns jetzt auf der nächsten. Vergangenheit und Zukunft treffen sich. Ein Kreis schließt sich."
Henriette wartete geduldig, bis ich fertig war.
„Vergangenheit und Zukunft treffen sich jetzt offenbar am Heck. Mit Schrauben."
Es ist bemerkenswert, wie zuverlässig diese Henne große Gefühle auf Zimmertemperatur bringt.
Doris und Christian fuhren rund 400 Kilometer Richtung Barcelona und standen plötzlich wieder vor ihrem früheren Schiff. Vor jenem Schiff, auf dem so vieles zum ersten Mal passiert war: längere Etappen, Nächte auf See und die ersten Momente, in denen aus der Frage „Könnten wir so leben?" langsam die Antwort „Genau das wollen wir" geworden war.
Jetzt standen sie Jahre später wieder dort – mit einer Hallberg-Rassy, viel mehr Erfahrung und dem Atlantik vor sich.
Sogar Henriette sagte eine Weile nichts.
Ich nutzte die Gelegenheit.
„Manchmal schenkt dir das Leben etwas aus deiner Vergangenheit zurück, genau dann, wenn du es für deine Zukunft brauchst."
Henriette sah mich an.
„Gar nicht schlecht."
Ich war gerührt. „Wirklich?"
„Ja. Jetzt bitte ordentlich montieren."
Auf der Rückfahrt kamen Doris und Christian noch in ein kräftiges Gewitter und mussten an einer Raststätte warten. Hinten im Fahrzeug lag die Windsteueranlage, vorne saßen zwei Menschen mit etwas Süßem und warteten darauf, dass das Wetter wieder vernünftiger wurde.
Henriette fand vor allem eine Sache bemerkenswert.
„Stand dieser 400-Kilometer-Ausflug eigentlich in der unverbindlichen Absichtserklärung?"
„Nein."
„Dann konnte er wenigstens nicht anders verlaufen als geplant."
Ich glaube, da hatte sie das System endgültig verstanden.
Conny wollte Atlantik und bekam Modul Sachschaden
Kurz darauf kamen Conny und Peter an Bord. Eigentlich hatte Conny einmal überlegt, gleich von Gibraltar bis Lanzarote mitzufahren.
Stattdessen bekam sie sechs Tage spanische Küste.
Im Nachhinein war das vermutlich der kompakteste Segelkurs ohne Zertifikat.
Es gab Nachtfahrten, eigene Wachen, Gegenstrom, Nebel, Delfine, Fische, einen Sprung in fast 700 Meter tiefes Wasser – und in Denia ein Hafenmanöver, das unser Seitenfenster nicht überlebte.
Henriette betrachtete den Schaden.
„Welches Modul ist das?"
„Welches Modul?"
„Sachschäden emotional verarbeiten."
„Das stand so nicht im Programm."
„Dann passt es perfekt zu euren Reiseplänen."
Am Abend gingen trotzdem alle gemeinsam essen und tranken Wein. Auf dem Foto dieses Abends sehen vier ziemlich entspannte Menschen in die Kamera. Niemand würde vermuten, dass eine Stunde zuvor noch eine Scheibe zu Bruch gegangen war.
Ich fand darin sofort eine größere Lebensweisheit.
„Siehst du, Henriette? Ein Problem darf passieren, ohne dass deshalb der ganze Tag kaputt sein muss."
Sie nickte.
„Die Scheibe war kaputt. Der Wein nicht."
Manchmal bringt sie meine Gedanken erschreckend effizient auf den Punkt.
Bei der zweiten Nachtfahrt übernahmen Conny und Peter bereits eigene Wachen. Sie saßen oben, kontrollierten Kurs und Verkehr, während die anderen unter Deck schlafen konnten. Aus Besuch wurde Crew, und ich fand diesen Wandel ziemlich schön.
Henriette sah das ebenfalls positiv.
„Zusätzliches Personal mit Nachtberechtigung verbessert die Betriebsorganisation."
Das muss bei ihr als Begeisterung reichen.
Gibraltar: große Gefühle, günstiger Diesel
In Gibraltar wurde es für Doris und Christian besonders. Sie waren 2019 schon einmal hier gewesen – damals mit der Dancing Pearl und in einem völlig anderen Leben.
Damals war die Reise eine Auszeit gewesen. Ein Sabbatical. Etwas Besonderes mit einem Ende.
Jetzt standen sie wieder am gleichen Felsen, nur war die Reise diesmal kein Ausnahmezustand mehr. Unsere Lady war Zuhause, die Akademie lief von Bord aus weiter, Christian war inzwischen Teil davon und niemand wartete darauf, dass irgendwann wieder das „richtige Leben" beginnt.
Denn das hier war längst das richtige Leben.
Ich fand diesen Gedanken wunderschön.
„Manchmal merkt man erst an einem alten Ort, wie weit man selbst gegangen ist", sagte ich.
Henriette schaute in Richtung Tankstelle.
„Der Diesel kostet hier ungefähr 1,51 Euro."
„Ich spreche über Lebensveränderung."
„Ich über Standortvorteile."
Seit Valencia ist mit dieser Henne nur noch eingeschränkt über Gefühle zu sprechen.
Vor dem Atlantik wurden jedenfalls die Tanks randvoll gemacht, Vorräte ergänzt und die Technik noch einmal kontrolliert.
Dann kam Henriette zu mir.
„Ich habe den neuen Reiseplan geprüft."
Ich wurde vorsichtig.
„Und?"
„Lanzarote. Direkt. Ungefähr fünf Tage."
„Richtig."
Henriette machte eine imaginäre Notiz.
„Ich lege ihn ab."
„Wo?"
„Unter F."
„Für Fahrt?"
Sie sah mich an.
„Für Fiktion."
Ich beschloss, das nicht weiter zu kommentieren.
Der Atlantik begann mit einer ungeplanten Kursänderung
Am 10. September ging es los Richtung Lanzarote. Rund 643 Seemeilen, fünf Tage ohne Zwischenstopp, keine Bucht für den Abend und kein Hafen, wenn man plötzlich beschließt, dass einem die Sache reicht.
Schon vor der Abfahrt hatten Doris und Christian immer wieder die Orca-Meldungen verfolgt. Angeblich hielten sich die Tiere weiter Richtung Portugal auf.
Mitten in der Straße von Gibraltar sahen sie dann ungefähr 200 Meter entfernt etwas Schwarzes im Wasser.
Doris und Christian änderten sofort deutlich den Kurs.
„Vielleicht Delfine", sagte ich.
Henriette schaute hinaus.
„Vielleicht nicht."
Zwei Tage später kam die Meldung, dass genau am 10. September Orcas in der Straße von Gibraltar gesichtet worden waren.
Ich versuchte es noch einmal.
„Vielleicht waren es trotzdem Delfine."
„Dann sind wir eben sehr vorsichtig Delfinen ausgewichen. Damit kann ich leben."
Das muss man ihr lassen: Beim Risikomanagement kennt Henriette keine Romantik.
Danach bekamen wir Kreuzsee. Mehrere Tage wurde unsere Lady in so viele Richtungen gleichzeitig bewegt, dass selbst ich irgendwann den Eindruck hatte, der Atlantik hätte noch nicht endgültig entschieden, wo unten sein soll.
Doris und Christian schliefen schlecht, Essen war anstrengend und irgendwann kam die Frage auf, wie Menschen so etwas eigentlich zwei oder drei Wochen lang aushalten.
Dann verschwand der Wind fast vollständig.
Alle freuten sich kurz über die vermeintliche Ruhe.
Nur hatte niemand die Welle darüber informiert.
Ohne Druck in den Segeln rollte unsere Lady weiter, jetzt lediglich ohne den Vorteil, dabei ordentlich voranzukommen.
Henriette hielt sich an ihrem Platz fest.
„Ich möchte meine Kritik an starkem Wind teilweise zurückziehen."
„Weil Wind die Segel stabilisiert?"
„Weil ich jetzt weiß, dass es noch unangenehmer geht."
Dazu meldete sich der Yanmar wieder mit ziemlich großem Ölbedarf. Am Ende der Etappe standen rund zwölf Liter nachgefülltes Öl auf der Liste.
Ich holte Luft.
Henriette hob einen Flügel.
„Nein."
„Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte."
„Doch. Du möchtest daraus wieder eine Metapher machen."
Ich schwieg.
„Flami, Öl ist ein Betriebsmittel. Keine Persönlichkeitseigenschaft des Motors."
Ich ließ das Thema fallen.
Dann kam ein Vogel
Mitten auf dem Atlantik landete irgendwann ein kleiner Vogel auf unserer Lady.
Rundherum war nur Wasser. Keine Küste, kein Baum, keine Insel. Und dieses winzige Tier setzte sich einfach zu uns und blieb mehrere Stunden.
Mal saß es hinten, später an einer anderen Stelle. Doris und Christian schauten immer wieder nach ihm.
Henriette ebenfalls.
Ich wartete eine Weile.
„Vielleicht ist er schon lange unterwegs."
„Wahrscheinlich."
„Vielleicht war er müde."
Henriette nickte.
Ich schaute hinaus auf den Atlantik. „Und dann hat er unser Schiff gefunden. Für ein paar Stunden sind wir seine Insel."
Diesmal sagte Henriette nichts.
Der Vogel saß einfach da.
Nach einer Weile hörte ich sie leise sagen: „Das ist schon ziemlich schön."
Ich drehte mich zu ihr.
„Was hast du gesagt?"
„Nichts."
„Henriette."
„Du hast vermutlich zu viel Wind in den Ohren."
Zu spät.
Ich hatte es gehört.
Diesen Moment werde ich selbstverständlich dokumentieren.
Unter G.
Für Gefühl.
Am vierten Tag änderte sich nicht das Meer
Die ersten Tage auf dem Atlantik waren anstrengend. Doris und Christian hatten sich mehr als einmal gefragt, wie sie irgendwann eine wesentlich längere Überfahrt schaffen sollen.
Und dann kam der vierte Tag.
Das Meer wurde nicht plötzlich ruhig. Die Lady bewegte sich weiter. Aber beide konnten besser essen, besser schlafen und sich viel selbstverständlicher an Bord bewegen. Der Körper hatte sich angepasst, und irgendwann war da ein Rhythmus entstanden.
Ich fand das bemerkenswert.
Henriette sah bereits misstrauisch zu mir herüber.
„Jetzt kommt etwas Philosophisches."
„Ja."
„Ich kann dich offenbar nicht davon abhalten."
Also sagte ich ihr, was ich dachte: Vielleicht bedeutet Freiheit gar nicht, dass irgendwann alles ruhig wird. Vielleicht bedeutet sie, dass man lernt, auch dann gut weiterzuleben, wenn sich alles bewegt.
Henriette dachte erstaunlich lange darüber nach.
„Das ist diesmal tatsächlich brauchbar."
„Wirklich?"
„Ja. Ich hätte trotzdem lieber weniger Kreuzsee."
Auch das ist eine Form von Entwicklung.
Unsere Bilanz
In den vergangenen Wochen war unsere Lady Familienboot, Gästezimmer, Büro, Werkstatt und Atlantikschiff. Fünf Menschen machten dreizehn Meter gleichzeitig enger und größer. Ein Reiseplan nach Torrevieja wurde erst zur unverbindlichen Absichtserklärung und später zu einem Dokument, das Henriette vorsorglich unter „Fiktion" ablegte. Valencia wurde ungeplant zum Volltreffer, ein Stück Dancing Pearl kam zurück an Bord, Conny und Peter kamen als Gäste und gingen als Crew. Und Gibraltar zeigte Doris und Christian, dass der Felsen zwar noch derselbe war, ihr Leben aber längst ein anderes geworden war.
Dann kamen fünf Tage Atlantik mit vielleicht Orcas, definitiv Kreuzsee, zwei Fischen, die sich gegen unser Abendessen entschieden, einem Motor mit bemerkenswerten laufenden Betriebskosten und einem kleinen Vogel, der unsere Lady mitten im Nichts für ein paar Stunden zu seiner Insel machte.
Ich würde sagen: ziemlich großartige Wochen.
Henriette kommt erwartungsgemäß zu einer etwas anderen Bewertung. Ihre Liste enthält einen hohen Wasserverbrauch, eine ungeplante Investition in Form eines Seitenfensters, einen 400-Kilometer-Ausflug für ein Bootsteil, ungewöhnlich viele Wettermodelle und zwölf Liter Motoröl.
„Du hast den Vogel vergessen", sagte ich.
„Nein."
„Und?"
Sie schaute hinaus aufs Meer.
„Der darf bleiben."
Mehr muss man über Henriettes Entwicklung eigentlich nicht sagen.
Ich glaube nämlich inzwischen, dass sie längst genauso nach dem Glück sucht wie ich. Sie würde es selbstverständlich niemals so nennen. Bei ihr heißt es vermutlich „positives Gesamtergebnis nach Abzug sämtlicher Nebenkosten".
Bevor ich unsere Bilanz abschloss, fiel mir allerdings noch ihre Statistik vom Anfang ein.
„Henriette, wie sieht es eigentlich inzwischen mit der durchschnittlichen Lebensdauer unserer Reisepläne aus?"
Sie dachte kurz nach.
„Ich messe nicht mehr in Tagen."
„Sondern?"
„In Wetterfenstern."
Flamis Erkenntnis
Vielleicht ist Glück gar nicht der Moment, in dem endlich alles so läuft, wie man es geplant hat. Vielleicht ist es das Vertrauen darauf, dass man auch dann weiterkommt, wenn der ursprüngliche Plan längst irgendwo zwischen Menorca und Valencia verloren gegangen ist.
Henriettes Kommentar
„Ich habe übrigens den nächsten Reiseplan gesehen." – „Und?" – „Ich hänge emotional nicht mehr daran."
Hinweis: Die Bilder in diesem Beitrag wurden mit Künstlicher Intelligenz erzeugt – auf Basis unserer echten Bordfotos von Flami und Henriette.