Am 3. September liefen wir in La Línea de la Concepción ein. Hinter uns lagen 141 Seemeilen, eine Nacht gegen die Strömung, zwei Stunden Nebel und zehn gemeinsame Tage mit Conny und Peter. Vor uns lag Gibraltar – dieser riesige Felsen, den man aus gefühlt tausend Bildern kennt und der in echt trotzdem noch einmal anders wirkt.
Das Kuriose daran: Unsere Lady lag in Spanien, Gibraltar begann praktisch am Ende der Straße. Man schaut vom spanischen Hafen auf britisches Gebiet, und wenn man Lust hat, geht man einfach rüber.
Nach Wochen, in denen wir Entfernungen in Seemeilen, Motorstunden und Wetterfenstern gedacht hatten, fühlte sich das fast schon absurd einfach an.
Während die anderen auf den Felsen gingen, ging ich in Zoom
Gleich am nächsten Tag stand bei mir eine Online-Veranstaltung im Kalender. Die war lange geplant und ließ sich auch von einem Felsen nicht beeindrucken.
Also zogen Christian, Conny und Peter los, während ich an Bord blieb, Laptop aufklappte und arbeitete.
Das ist die Seite unserer schwimmenden Akademie, die auf Fotos selten vorkommt. Während andere Sehenswürdigkeiten anschauen, sitzt man selbst im Salon, prüft Internet, startet Zoom und hofft, dass weder Wind noch Nachbarboot noch irgendein technisches Eigenleben plötzlich für zusätzliche Programmpunkte sorgen.
Früher hätte ich so einen Tag vielleicht als „verpasst" empfunden. Heute ist es einfach Teil unseres Lebens. Wir reisen nicht neben der Arbeit her und arbeiten nicht neben der Reise her. Beides passiert gleichzeitig, manchmal sogar im selben Quadratmeter.
Der Vorteil: Wenn der Call vorbei ist, braucht man in La Línea ungefähr zwei Minuten, um in einem anderen Land zu stehen.
Von Spanien nach Großbritannien zu Fuß
Der Grenzübertritt war fast schon enttäuschend unspektakulär.
Keine große Anreise, keine Fähre, kein Flughafen. Man geht einfach los und ist kurz darauf in Gibraltar.
Nach all den langen Etappen auf See kam uns das fast lächerlich bequem vor. Wir hatten gerade noch darüber diskutiert, wie viele Stunden Gegenstrom uns gekostet hatte – und hier wechselte man zwischen zwei Ländern schneller, als wir normalerweise die Leinen verstauen.
Plötzlich standen da britische Schilder, englische Pubs und Straßennamen, die genauso gut irgendwo im Süden Englands hängen könnten. Die Sprache änderte sich, die Stimmung ebenfalls, und trotzdem war Spanien nur ein paar Schritte entfernt.
Gibraltar ist schon ein seltsamer Ort.
Ein bisschen Großbritannien. Ein bisschen Mittelmeer. Ein riesiger Felsen. Und alles auf überraschend wenig Platz.
Sechs Stunden auf dem Felsen
Christian, Conny und Peter beschlossen, Gibraltar nicht nur anzuschauen, sondern gründlich zu nehmen.
Sechs Stunden Naturreservat. Zu Fuß.
Bergauf, bergab, Affen, Aussichtspunkte und alles, was man dort eben mitnehmen kann, wenn man sagt: „Wenn wir schon da sind, dann schauen wir uns auch alles an."
Das klingt am Morgen immer nach einer guten Idee. Sechs Stunden später meistens etwas weniger.
Als sie zurückkamen, waren sie ziemlich begeistert – und körperlich deutlich stiller als beim Losgehen.
Nach mehreren Wochen auf dem Boot waren sie langes Gehen ohnehin nicht mehr gewohnt. Auf See bewegt man sich zwar ständig, aber meistens auf sehr überschaubaren Distanzen. Vom Cockpit zum Salon. Vom Salon zur Pantry. Von der Pantry wieder zurück, weil man vergessen hat, was man eigentlich holen wollte.
Sechs Stunden Felsen sind da eine andere Disziplin.
Der Unterschied zwischen Nachtwache und Gibraltar-Wanderung ist übrigens simpel: Bei der Nachtwache darf man sitzen.
Fish and Chips gehören dort vermutlich zum Einreiseprogramm
Nach so viel Bewegung stellte sich am Abend keine große kulinarische Grundsatzfrage.
In Gibraltar isst man Fish and Chips. Alles andere hätte sich fast schon respektlos angefühlt.
Also gab es Fish and Chips und Bier, und später landeten wir noch in einem Irish Pub mit Live-Musik. Dunkles Holz, Gitarre, Bier, Gin Tonic – und für ein paar Stunden hatte man fast vergessen, dass unser Zuhause ein Segelboot in Spanien war.
Das war überhaupt das Lustige an Gibraltar. Innerhalb eines Tages konnte man morgens in Spanien aufwachen, mittags auf einem britischen Felsen stehen und abends in einem Irish Pub sitzen.
Man muss für Weltreisegefühle offenbar nicht immer weit fahren. Manchmal reichen ein paar hundert Meter.
Der Tag, an dem Christian sich über Diesel freute
Zu unseren Gibraltar-Erlebnissen gehörte natürlich auch Tanken.
Normalerweise ist das kein Programmpunkt, den man später begeistert erzählt. Diesmal schon.
Gibraltar ist zollfrei, und der Unterschied an der Zapfsäule war deutlich. Rund 1,51 Euro pro Liter kostete der Diesel. Auf den Balearen hatten wir zuvor etwa 2,27 Euro bezahlt, in Valencia knapp 1,98.
Plötzlich bekam Volltanken eine ganz neue emotionale Qualität.
Vor einer längeren Atlantiketappe wollten wir die Tanks ohnehin randvoll haben. Bei solchen Preisen fühlt sich das dann fast wie Sparen an. Fast.
Man wird auf einem Segelboot generell erstaunlich leicht glücklich. Ein voller Dieseltank, eine Waschmaschine in Laufnähe oder ein Ersatzteil, das sofort passt, können Dinge auslösen, für die andere Menschen vermutlich ein Wellnesswochenende brauchen.
Dann wurde es plötzlich still an Bord
Irgendwann hieß es Abschied nehmen von Conny und Peter.
Hinter uns lagen 432 Seemeilen, zwei Nachtfahrten, ein kaputtes Seitenfenster, Gegenstrom, Nebel, Delfine und sehr viele gemeinsame Stunden auf ziemlich wenig Raum.
Und dann standen ihre Taschen wieder am Steg.
Das Merkwürdige an Besuch auf einem Boot ist, wie schnell sich die Atmosphäre verändert. Mit vier Menschen wirkt unsere Lady plötzlich voll. Überall stehen Schuhe, irgendjemand sitzt immer dort, wo man gerade hinwill, und gefühlt sucht ständig jemand etwas.
Wenn die Gäste dann weg sind, wirkt dasselbe Boot innerhalb von zehn Minuten riesig. Und still. Sehr still.
Natürlich genießt man es auch, wieder zu zweit zu sein. Man hat seine Abläufe zurück, mehr Platz und weiß plötzlich wieder genau, wem welcher Kaffee gehört.
Trotzdem fehlt etwas. Die Stimmen. Das Lachen. Der zusätzliche Mensch im Cockpit. Und manchmal sogar derjenige, der genau in dem Moment im Weg steht, in dem man durch möchte.
So ist das offenbar mit Menschen: Wenn sie da sind, brauchen sie Platz. Wenn sie weg sind, fehlt genau dieser Platz plötzlich.
Beim zweiten Besuch schaut man anders
Nachdem Conny und Peter abgereist waren, gingen wir selbst noch einmal nach Gibraltar.
Diesmal ohne großes Programm. Kein „Das müssen wir noch sehen". Kein Tagesplan. Kein Ehrgeiz, möglichst viel abzuhaken.
Wir waren 2019 schon einmal hier gewesen – damals mit der Dancing Pearl und in einem ganz anderen Leben.
Damals war diese Reise eine große Ausnahme gewesen. Eine Auszeit. Ein Sabbatical. Etwas, das irgendwann enden würde und nach dem wir wieder in unseren normalen Alltag zurückkehren sollten.
Jetzt standen wir wieder an fast demselben Ort.
Nur war das hier inzwischen unser Alltag.
Unsere Lady war unser Zuhause. Die Akademie lief weiter, Christian war inzwischen Teil davon, und wir waren nicht auf einer Reise mit festem Rückkehrdatum.
Plötzlich war Gibraltar nicht mehr nur ein Ort, an den wir zurückgekehrt waren. Es war ein Maßstab dafür, wie sehr wir uns selbst verändert hatten.
Das war wahrscheinlich der stärkste Moment dieser Woche.
Nicht die Affen. Nicht die Aussicht. Nicht einmal der günstige Diesel.
Sondern dieses Gefühl von: Wir waren schon einmal hier – aber wir sind nicht mehr dieselben.
Damals Zwischenstopp, heute Startlinie
2019 hätten wir ziemlich sicher nicht gedacht, dass wir ein paar Jahre später noch einmal hier stehen würden. Schon gar nicht mit einer eigenen Hallberg-Rassy und mit dem Plan, von hier weiter auf den Atlantik hinaus zu fahren.
Damals war Gibraltar Teil einer großen Reise. Heute war es der Ort, an dem die nächste Etappe plötzlich sehr real wurde.
Die Stimmung an Bord veränderte sich langsam. Aus Stadt anschauen wurde vorbereiten. Aus „wir sind jetzt in Gibraltar" wurde „bald fahren wir los".
Tanks wurden gefüllt, Vorräte ergänzt, Wettermodelle verglichen und die Technik noch einmal kontrolliert. Alles, was man vorher entspannt auf einer Liste stehen hat, bekommt plötzlich eine andere Bedeutung, wenn man weiß: Hinter diesem Felsen kommt nicht einfach die nächste Bucht.
Da kommt Atlantik.
Und genau das machte diese Woche so besonders.
Auf der einen Seite standen wir an einem Ort, der uns mit unserem alten Leben verband. Auf der anderen Seite begann direkt dahinter etwas, das wir noch nie gemacht hatten.
Vielleicht war Gibraltar deshalb für uns weniger ein Ziel als eine Art Schwelle.
Hinter uns lag das Mittelmeer. Vor uns der Atlantik. Und irgendwo dazwischen saßen wir auf unserer Lady, schauten auf den Felsen und wussten: Jetzt wird es langsam wirklich ernst.