Manche Orte bleiben im Kopf, obwohl man sie eigentlich lieber dort lassen würde.
Die Straße von Messina war für uns so ein Ort.
Als wir 2019 das erste Mal durch diese Meerenge fuhren, war sie laut, unruhig und fordernd. Viel Wind, viel Welle, viel Verkehr – und dazu die Strömungen, die dort ihren ganz eigenen Rhythmus haben. Wir hatten damals genau den richtigen Zeitpunkt erwischt und die Passage gut geschafft.
Darauf waren wir stolz.
Trotzdem waren wir uns ziemlich sicher: Einmal reicht.
Eigentlich wollten wir außen herum
Für diese Reise hatten wir deshalb einen anderen Plan. Wir wollten den Süden Siziliens umrunden und die Straße von Messina einfach auslassen.
Dann saßen wir im Cockpit und sahen uns die Wetterdaten an. Der Wind sollte schwach bleiben, die Bedingungen wirkten ruhig. Christian blickte vom Bildschirm auf und sagte:
„Warum fahren wir eigentlich nicht doch durch Messina?"
Sofort waren die Bilder von 2019 wieder da. Das aufgewühlte Wasser. Der Verkehr. Diese ständige Konzentration auf jedes Instrument und jede Bewegung des Bootes.
Aber da war auch ein anderer Gedanke: Vielleicht war es an der Zeit, diesem Ort noch einmal zu begegnen.
Nicht, weil wir etwas beweisen mussten. Sondern weil wir wissen wollten, ob Messina wirklich so schwierig war, wie sie in unserer Erinnerung geworden war.
Also änderten wir den Plan.
Eine Boje über 55 Metern Tiefe
In der Straße von Messina gibt es Häfen, aber auch Bojen, an denen man festmachen kann. Wir entschieden uns für eine davon.
Kaum lagen wir fest, zeigte die Windanzeige 18 Knoten. Kurz darauf waren es 20. Unsere Lady zog an der Leine und drehte sich immer wieder um die Boje, während der Wind durch die Wanten pfiff.
„Das ist also der schwache Wind", sagte ich.
Christian kontrollierte noch einmal die Leinen, und wir mussten beide lachen.
Unter uns lagen rund 55 Meter Wasser. Die Verbindung zur Boje verschwand tief unter dem Schiff, irgendwo ins dunkle Blau.
Man sieht nicht, woran man hängt. Man vertraut einfach darauf, dass alles hält.
Auf einem Segelboot ist Vertrauen manchmal erstaunlich technisch.
Wenn schon Messina, dann richtig
Wir hätten den Abend einfach an Bord verbringen können. Aber wenn wir schon freiwillig ein zweites Mal hier waren, wollten wir Messina diesmal nicht nur als Passage erleben.
Also gingen wir an Land.
Wenig später saßen wir in einem italienischen Restaurant. Vor uns gutes Essen, rundherum Stimmen, Gläser und der Duft aus der Küche. Draußen lag unsere Lady an der Boje und drehte vermutlich weiter ihre Kreise im Wind.
Für ein paar Stunden war die Straße von Messina nicht mehr dieser schwierige Ort aus unserer Erinnerung.
Sie war ein Abend in Italien.
Ein gedeckter Tisch.
Ein gutes Essen.
Und das Gefühl, dass es sich gelohnt hatte, nicht einfach weiterzufahren.
Nicht gegen die Strömung kämpfen
Am nächsten Morgen bereiteten wir uns genau auf die Durchfahrt vor.
Für die Straße von Messina gibt es spezielle Strömungsinformationen, die man vorab abrufen kann. Wir prüften, wann die Strömung am stärksten und wann sie am schwächsten sein würde.
2019 hatten wir gelernt, dass man hier nicht einfach losfährt, wann es einem gerade passt.
Man sucht den richtigen Moment.
Man fährt nicht gegen die Strömung.
Man fährt mit ihr.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen beim Segeln: Nicht immer braucht es mehr Kraft. Manchmal braucht es nur das richtige Timing.
Vor uns lag die Straße von Messina.
Zum zweiten Mal.
Wann wird es schwierig?
Ich saß im Cockpit und beobachtete das Wasser. Christian hatte die Instrumente im Blick.
Keiner von uns sagte es laut, aber wir warteten beide auf den Moment, an dem Messina wieder zeigen würde, warum wir sie nie vergessen hatten.
Auf eine Böe.
Auf eine Welle.
Auf ein Schiff, das plötzlich zu nahe kam.
Auf dieses angespannte Gefühl von 2019.
Doch unsere Lady glitt ruhig weiter. Neben dem Rumpf begann das Wasser zu sprudeln. Kleine Wirbel bildeten sich, verschwanden wieder und tauchten an anderer Stelle erneut auf.
Da war sie also, die berühmte Strömung.
Sichtbar.
Spürbar.
Aber nicht bedrohlich.
Ich sah zu Christian.
„Das ist jetzt wirklich Messina?"
Fast hätten wir den Moment übersehen.
Kein Rucken. Kein hektischer Griff zum Steuer. Kein plötzliches Drehen des Bootes.
Nur dieses sprudelnde Wasser und unsere Lady, die beinahe gelassen durch die Meerenge glitt.
War es wirklich derselbe Ort?
Die Küsten waren dieselben. Das Wasser war dasselbe. Auch die Strömung war noch da.
Und trotzdem fühlte sich alles anders an.
Vielleicht lag es einfach am ruhigen Wetter. Vielleicht hatten wir erneut genau den richtigen Zeitpunkt erwischt.
Aber vielleicht lag es auch an uns.
2019 war alles neu gewesen. Jede Bewegung musste eingeordnet, jedes Geräusch verstanden werden. Die Straße wirkte größer, weil wir noch nicht wussten, was als Nächstes kommen würde.
Diesmal wussten wir:
Wir können das.
Wir hatten Respekt, aber keine Angst mehr vor jedem kleinen Zeichen.
Beim ersten Mal fährt die Unsicherheit mit.
Beim zweiten Mal fährt die Erfahrung mit.
Und plötzlich wird aus einer Prüfung einfach eine Passage.
Hinter uns Messina, vor uns Kalabrien
Als wir die Meerenge hinter uns ließen, fiel die letzte Anspannung von uns ab. Wir hatten nicht gegen Messina gekämpft. Wir waren einfach hindurchgefahren.
Glücklich.
Und fast ein wenig überrascht, wie leicht es sich diesmal angefühlt hatte.
Vor uns lag Porto di Palmi in Kalabrien. Hinter uns ein Ort, an den wir eigentlich nicht zurückkehren wollten – und der uns nun gezeigt hatte, dass Erinnerungen nicht immer die Wahrheit über die Gegenwart erzählen.
Manche Ängste verlieren ihre Macht nicht, wenn man ihnen ausweicht.
Sie werden kleiner, wenn man ihnen ein zweites Mal begegnet.
Doch kaum lag Messina hinter uns, machte sich bereits das nächste Problem bemerkbar.
Unser Motor rauchte.
Und rauchte.
Und rauchte.
In der nächsten Geschichte erzählen wir, warum wir auf rund 1.000 Seemeilen zehn Liter Öl nachfüllen mussten – und weshalb die Lösung genau das Gegenteil von dem war, was wir für richtig gehalten hatten.
Manche Ängste verlieren ihre Macht nicht, wenn man ihnen ausweicht. Sie werden kleiner, wenn man ihnen ein zweites Mal begegnet.