Hallo ihr Lieben, hier meldet sich Flami. Manche von euch kennen mich noch von unserer ersten großen Reise. Damals war ich Häuptling der Dancing Pearl und hatte eine wichtige Aufgabe: Ich wollte herausfinden, ob Doris und Christian unterwegs das Glück finden.
Seitdem sind einige Jahre vergangen. Doris und Christian sind wieder losgefahren, diesmal mit ihrer eigenen Lady, einer Weltreise im Kopf und der Akademie an Bord. Christian arbeitet mittlerweile ebenfalls mit, und so ist unser Segelboot gleichzeitig Zuhause, Büro, Werkstatt und gelegentlich ein erstaunlich teures Wartezimmer.
Natürlich war für mich sofort klar, dass ich wieder mitfahren würde. Schließlich war meine Suche nach dem Glück noch nicht abgeschlossen.
Allerdings bekam ich diesmal Unterstützung. Zumindest wurde es mir so erklärt.
Darf ich vorstellen: Henriette
Henriette kam als Geschenk von Freunden an Bord. Eine Henne aus Plastik, mit festem Stand, kritischem Blick und erstaunlich vielen Meinungen für jemanden, der bisher keinen einzigen Meter selbst gelaufen ist.
Bei unserer ersten Begegnung betrachtete sie mich lange.
„Du bist also Flami."
„Ja."
„Und du suchst das Glück?"
„Seit 2019."
Henriette legte den Kopf schief.
„Dann suchst du entweder sehr gründlich oder ziemlich ineffizient."
Damit war unsere Zusammenarbeit eröffnet. Ich kümmere mich weiterhin um die großen Fragen. Glück, Freiheit, Mut und jene Momente, die man nicht planen kann.
Henriette kontrolliert die Realität. Sie achtet auf Hafenkosten, Ölverbrauch, Ersatzteile und sämtliche Geräusche, bei denen Doris sofort fragt: „Hast du das auch gehört?" Henriette bezeichnet sich nicht als pessimistisch. Sie ist nach eigener Aussage lediglich „realistisch mit Federn".
Freiheit mit Dauerpiepsen
Unsere ersten beiden Monate begannen vielversprechend. Doris und Christian fuhren los, die Sonne schien und der neue Autopilot hielt zuverlässig den Kurs. Dann begann er zu piepsen.
Zuerst einmal kurz, wenig später dauerhaft. Sicherungen wurden getauscht, Kabel kontrolliert, Messwerte geprüft und zahlreiche Telefonate geführt. Joachim von Furuno blieb erreichbar, dachte mit und organisierte Unterstützung. Schließlich reiste sogar ein Techniker eigens aus Napoli nach Vieste, um sich die Anlage direkt an Bord anzusehen.
Nach langem Suchen fand er hinter einer Platine eine kleine durchgebrannte Sicherung.
„Da ist es", sagte ich. „Das Glück."
Henriette betrachtete das winzige Teil.
„Das ist eine Sicherung."
„Aber dadurch funktioniert der Autopilot wieder."
„Nach mehr als einer Woche Warten."
„Dafür haben viele Menschen geholfen."
Henriette sah mich an. „Und die Marina hat jeden Tag Geld gekostet."
„Aber Joachim hat organisiert, der Techniker ist aus Napoli gekommen und später hat Alessio die richtige Reparaturfirma vermittelt."
Henriette dachte einen Moment nach.
„Du meinst also, Glück ist ein funktionierendes Netzwerk?"
„Ich würde sagen: Glück in Arbeitskleidung."
„Klingt schön", sagte Henriette. „Ich hätte trotzdem lieber einen funktionierenden Autopiloten."
„Den haben wir jetzt."
„Wir reden weiter, wenn er vier Wochen durchhält."
Sie ist nicht leicht zu beeindrucken. Leider war die Geschichte nach der ersten Reparatur noch nicht vorbei. Auf dem Weg nach Bari flog die Sicherung erneut. Diesmal lag die Ursache im Antrieb selbst.
Also mieteten Doris und Christian ein Auto, bauten den Kettenantrieb aus und fuhren damit quer durch Apulien zu einer Reparaturfirma. Andere Menschen besuchen in Italien Weingüter, Strände oder kleine Bergdörfer. Doris und Christian transportieren Ersatzteile.
Henriette sah aus dem Autofenster.
„Sie nennen das Weltreise?"
„Ja."
„Im Moment sieht es eher nach mobilem Werkstattservice aus."
Drei Tage später war der Antrieb repariert. Der Autopilot funktionierte wieder, und beide trauten sich tatsächlich, ihn erneut einzuschalten. Kein Alarm, keine Fehlermeldung – nur unsere Lady, die wieder zuverlässig den Kurs hielt.
„Jetzt ist das Glück aber eindeutig", sagte ich.
Henriette schwieg einen Moment.
„Seit wann läuft er?"
„Drei Wochen."
„Dann fehlen noch sieben Tage."
Der Motor, den sie beinahe kaputtschonten
Kaum hatte sich Henriette an das fehlende Piepsen gewöhnt, begann unser Motor stärker zu rauchen. Unser Yanmar ist rund dreißig Jahre alt und wurde von Doris und Christian entsprechend vorsichtig behandelt. Sie fuhren meist mit niedriger Drehzahl, weil sie überzeugt waren, ihn dadurch zu schonen.
Das klang vernünftig. War es offenbar nicht.
Auf rund tausend Seemeilen verbrauchte der Motor zehn Liter Öl und zog hinter unserer Lady eine Rauchspur her, die auf manchen Videos beinahe wie ein eigenes Wetterphänomen wirkte.
Henriette betrachtete die Reservekanister.
„Ich möchte festhalten, dass Motoröl nicht zum Getränkevorrat gehört."
In Porto di Palmi kam schließlich ein Yanmar-Mechaniker an Bord. Er reinigte den Filter des Turboladers, startete den Motor und schob den Gashebel kräftig nach vorne. Das ganze Schiff vibrierte. Doris und Christian standen daneben und sahen aus, als würden sie im Kopf bereits die Preise für einen neuen Motor berechnen.
Henriette hingegen war begeistert.
„Endlich jemand, der meine Lebensphilosophie versteht."
Der Mechaniker ließ den Motor mehrmals mit hoher Drehzahl laufen. Nach und nach wurde der Rauch weniger, bis er schließlich verschwand.
„Siehst du?", sagte ich. „Manchmal braucht etwas nicht mehr Schonung, sondern mehr Vertrauen."
Henriette nickte zufrieden.
„Oder einfach mehr Gas."
Seitdem hält sie diesen Satz für eine universelle Lösung. Wir achten darauf, dass sie ihn nicht bei Hafeneinfahrten verwendet.
Eine Nacht, in der Sardinien unsichtbar blieb
Der emotionalste Moment der ersten beiden Monate war unsere Überfahrt von Sizilien nach Sardinien. Vor uns lagen 222 Seemeilen und rund 37 Stunden auf See. Zum Abschied kamen Delfine und begleiteten unsere Lady ein Stück hinaus.
„Ein gutes Zeichen", sagte ich.
Henriette beobachtete die Delfine.
„Vielleicht kontrollieren sie nur, ob die beiden in die richtige Richtung fahren."
Die erste Nacht verlief ruhig. Am nächsten Morgen verschwand der Horizont für einige Minuten in einer Nebelbank. Das Meer und der Himmel wurden zu einer einzigen grauen Fläche, und plötzlich wirkte die Welt sehr klein.
In der letzten Nacht frischte der Wind auf über zwanzig Knoten auf. Die Wellen kamen von vorne, rundherum war es stockfinster, und man konnte kaum erkennen, was auf unsere Lady zukam. Man hörte nur das Wasser, spürte, wie sich der Bug hob, und wartete auf den Moment, in dem er wieder ins Meer fiel.
Doris hielt sich im Cockpit fest.
„Siehst du etwas?", fragte sie Christian.
„Fast nichts."
Henriette rückte ein Stück näher zu mir.
„Ich möchte festhalten, dass keiner von uns zu dieser Überfahrt befragt wurde."
Irgendwo vor uns lag Sardinien. Unsichtbar, aber wichtig. Dort würden bald die Kinder von Doris und Christian ankommen. Also fuhren sie weiter.
Am Morgen wurde der Himmel langsam heller. Aus Schwarz wurde Grau, aus Grau Rosa, und schließlich tauchte die Küste Sardiniens auf. Das Wasser vor Villasimius leuchtete erst blau und dann immer türkiser.
Als der Anker fiel, sahen sich Doris und Christian nur an.
„Geschafft."
Henriette betrachtete die Bucht lange.
„Gut", sagte sie schließlich. „Dafür hat es sich gelohnt."
Von Henriette ist das beinahe eine Liebeserklärung.
Die schwimmende Akademie
Zwischen Reparaturen, Überfahrten und Wetterkarten wurde natürlich weitergearbeitet. Christian ist inzwischen ein fester Teil der Akademie. Gemeinsam entwickeln die beiden Angebote, begleiten Teilnehmer und bauen neue Projekte auf.
Ihr Arbeitsweg beträgt nur wenige Meter. Das klingt praktisch. Dafür kann sich das gesamte Büro bewegen.
Ein Kundengespräch funktioniert nur, wenn unsere Lady ruhig liegt, Starlink mitspielt und nicht gerade der Anker gehoben oder eine Marina angelaufen werden muss. Doris arbeitet im Cockpit, Christian unter Deck. Manchmal tauschen sie die Plätze, weil die Sonne wandert oder der Wind zunimmt.
Und manchmal wird aus einem geplanten Arbeitstag innerhalb weniger Sekunden ein Reparaturtag.
Dann fragt Doris: „Hast du das auch gehört?"
Christian lauscht kurz, steht auf und verschwindet mit Werkzeug unter Deck.
Henriette beobachtet diese Abläufe aufmerksam.
„Sie haben ihren Arbeitsweg auf wenige Meter verkürzt und dafür sämtliche anderen Prozesse komplizierter gemacht."
Das beschreibt die schwimmende Akademie erstaunlich genau. Trotzdem funktioniert vieles besser, als man erwarten würde. Nicht, weil jeder Tag perfekt organisiert ist, sondern weil Doris und Christian gelernt haben, ihre Pläne zu verändern, ohne gleich das gemeinsame Ziel infrage zu stellen.
Manchmal wird zuerst gearbeitet und später gesegelt. Manchmal zuerst gesegelt und irgendwann gearbeitet. Und manchmal passiert beides gleichzeitig, während irgendwo im Hintergrund ein Kanister Motoröl steht.
Unsere Bilanz nach zwei Monaten
Haben Doris und Christian das Glück gefunden? Ja. Aber nicht nur dort, wo man es auf den Fotos vermutet.
Das Glück sitzt nicht jeden Abend barfuß mit einem kühlen Getränk im Cockpit. Manchmal trägt es Arbeitskleidung, hält eine Sicherung in der Hand oder fährt mit einem Kettenantrieb im Kofferraum durch Apulien.
Es steckt in Menschen, die erreichbar bleiben und helfen. In einem Motor, der plötzlich nicht mehr raucht. In Delfinen am Bug. In einer türkisen Bucht nach einer stockfinsteren Nacht. Und manchmal besteht es nur aus einem einzigen Wort: „Geschafft."
Henriette sieht die Sache naturgemäß nüchterner. Ihrer Meinung nach wurden zu viele Ersatzteile gekauft, zu viele Wetter-Apps gleichzeitig geöffnet und deutlich zu oft die Worte „Jetzt müsste eigentlich alles funktionieren" ausgesprochen.
Trotzdem gibt sie zu, dass die Aussicht gut, das italienische Essen hervorragend und dieses Leben gelegentlich sogar ziemlich schön ist. Mehr Begeisterung war von ihr nicht zu erwarten.
Ich glaube allerdings, dass Henriette längst ebenfalls nach dem Glück sucht. Sie würde es nur niemals so nennen.
Flamis Erkenntnis
Glück ist nicht das Leben ohne Probleme. Es ist das Gefühl, trotz aller Umwege noch zu wissen, warum man losgefahren ist.
Henriettes Kommentar
Und Reserveöl ist trotzdem kein Zeichen von Pessimismus.