Es gibt Geräusche an Bord, an die man sich gewöhnt. Das Knarzen der Leinen. Das Gluckern des Wassers am Rumpf. Das Klappern einer Tasse, wenn eine Welle etwas mehr Schwung mitbringt.
Und dann gibt es dieses eine Geräusch, bei dem wir beide sofort aufhorchen.
Das Piepsen des Autopiloten.
Heute läuft er wieder einwandfrei. Aber eine Zeit lang reichte schon ein ähnlicher Ton, und wir sahen einander an. Bitte nicht schon wieder.
Unser drittes Crewmitglied
In Novigrad hatten wir unseren neuen Furuno-Autopiloten eingebaut. Joachim von Furuno unterstützte uns dabei mit unglaublich viel Fachwissen, Geduld und persönlichem Einsatz. Ohne ihn hätten wir den Einbau so nicht geschafft.
Als schließlich alles funktionierte, waren wir einfach nur glücklich. Unsere Lady hielt zuverlässig den Kurs, und plötzlich merkten wir, wie sehr ein Autopilot das Leben zu zweit an Bord erleichtert. Einer kann unter Deck etwas holen, während der andere die Segel kontrolliert. Wir können gemeinsam nach vorne gehen, kurz durchatmen oder uns um etwas anderes kümmern, ohne dass ständig jemand am Steuer stehen muss.
Ein Autopilot ersetzt keinen Menschen. Aber auf einem Segelboot mit zwei Personen wird er erstaunlich schnell zum dritten Crewmitglied.
Unseres arbeitete perfekt.
Bis es das plötzlich nicht mehr tat.
Das erste Piepsen
Wir waren noch im Süden Kroatiens unterwegs, als der Alarm ertönte. Ein schrilles Dauerpiepsen. Auf dem Display erschien eine Fehlermeldung. Der Autopilot stieg aus.
Christian beugte sich über die Instrumente. Ich blieb am Steuer und hielt unsere Lady auf Kurs.
„Was zeigt er an?"
Christian las die Meldung noch einmal, drückte eine Taste und versuchte, das System neu zu starten.
Für einen kurzen Moment war es still.
Dann begann das Piepsen wieder.
Wir bauten ein Relais ein, kontrollierten die Kabel und tauschten Sicherungen. Dann tauschten wir sie wieder zurück. Wir maßen, probierten und hofften bei jedem Neustart, dass diesmal alles ruhig bleiben würde.
Doch irgendwann blieb nur noch die Fehlermeldung. Und die Gewissheit, dass wir ohne Autopilot weiterfahren mussten.
Handsteuerung klingt romantischer, als sie ist
Natürlich kann man ein Segelboot von Hand steuern. Am Anfang fühlt es sich sogar schön an. Man spürt jede Bewegung des Bootes, jede kleine Veränderung des Windes und jede Welle direkt im Ruder.
Nach einigen Stunden wird aus dieser romantischen Vorstellung allerdings ziemlich anstrengende Arbeit. Einer steuert. Der andere erledigt alles Weitere. Jeder Gang unter Deck muss abgestimmt werden. Essen, Segelkontrolle, Navigation und selbst ein kurzer Toilettenbesuch werden plötzlich zu einer kleinen organisatorischen Aufgabe.
In solchen Momenten merkt man, wie wertvoll Technik ist. Nicht dann, wenn sie funktioniert. Erst dann, wenn sie fehlt.
Kurs auf Vieste
Kroatien war inzwischen teuer geworden. Sowohl Bojen als auch Marinas belasteten unser Budget deutlich. Also entschieden wir uns für die Überfahrt nach Italien. Unser Ziel war Vieste.
Joachim und Furuno ließen uns mit dem Problem nicht allein. Von Österreich aus organisierten sie einen Techniker, der sich die Anlage direkt bei uns an Bord ansehen sollte.
Das bedeutete uns viel. Wer mit dem Boot unterwegs ist, kann nicht einfach zur nächsten Werkstatt fahren. Das Zuhause, das Fahrzeug und die defekte Technik liegen gemeinsam im Hafen. Man braucht jemanden, der erreichbar bleibt, zuhört und versucht, auch über Ländergrenzen hinweg eine Lösung zu finden. Genau das taten Joachim und Furuno.
Der Techniker musste allerdings eigens aus Napoli anreisen. Und ein Techniker lässt sich ebenso wenig herbeizaubern wie der passende Wind.
Also warteten wir.
Gefangen im schönsten Wartezimmer Italiens
Vieste hatte uns freundlich aufgenommen. Die Marina war hilfsbereit, die Altstadt wunderschön, und abends lag ein goldenes Licht über der Promenade. Es hätte deutlich schlimmere Orte gegeben, um festzusitzen.
Trotzdem begann jeder Morgen mit derselben Frage: Kommt der Techniker heute?
Aus einem Tag wurden mehrere. Wir arbeiteten, gingen durch die engen Gassen, kauften ein und versuchten, die ungeplante Pause zu genießen. Aber im Hintergrund lief die Rechnung weiter.
Jede zusätzliche Nacht in der Marina kostete Geld. Dazu kam die Ungewissheit, wann wir weiterfahren konnten und ob sich das Problem überhaupt schnell lösen lassen würde.
Das ist die unsichtbare Seite einer Reparatur. Oft ist nicht das defekte Teil selbst der größte Kostenfaktor. Es sind die Hafentage, die Wege, das Warten, Mietautos und all die kleinen Ausgaben, die sich rund um einen einzigen Fehler sammeln.
Unsere Freiheit lag währenddessen sicher vertäut am Steg.
Der Techniker aus Napoli
Nach mehr als einer Woche kam der Techniker. Er war eigens aus Napoli angereist und machte sich sofort an die Arbeit.
Draußen hatte es über dreißig Grad. Unter Deck stand die Luft. Zwischen Kabeln, Einbauten und Geräten war kaum Platz, sich zu bewegen.
Der Techniker kniete vor dem Steuerungsgerät, löste Schrauben, prüfte Verbindungen und baute das alte Gerät aus. Anschließend setzte er ein neues ein. Dann telefonierte er mit seinem Chef. Wir standen daneben, hörten einzelne technische Begriffe und versuchten aus seinen Blicken herauszulesen, ob das nun gut oder schlecht war.
Schließlich kam die Anweisung: Das neue Gerät wieder ausbauen. Das alte zurück. Es sollte zunächst nur die Platine getauscht werden.
Also begann die Arbeit noch einmal von vorne. Der Techniker blieb ruhig und konzentriert. Er schraubte, prüfte und telefonierte weiter, während ihm der Schweiß über die Stirn lief.
Kurz bevor er fertig war, kontrollierte er noch einmal alles ganz genau.
Dann hielt er inne.
Hinter der Platine
Versteckt hinter der Platine saß eine durchgebrannte Sicherung.
Klein.
Unspektakulär.
Und von außen nicht zu erkennen.
Der Austausch dauerte nur wenige Minuten.
Wir sahen die Sicherung an und wussten nicht, ob wir lachen oder einfach nur erleichtert ins Cockpit sinken sollten.
So viele Tage Warten. Mehrere Stunden Arbeit. Und am Ende war es ein winziges Bauteil hinter einer Platine.
Doch genau darin liegt die Schwierigkeit technischer Fehler: Die Lösung kann einfach sein, wenn man weiß, wo man suchen muss.
Joachim, Furuno und der Techniker hatten alles getan, um uns zu helfen. Dass ein Unternehmen erreichbar bleibt, mitdenkt und sogar einen Techniker über eine lange Strecke zum Schiff schickt, ist keineswegs selbstverständlich. Dafür waren wir sehr dankbar.
Der Autopilot funktionierte wieder. Unsere Lady übernahm das Steuer. Wir verließen Vieste und dachten vorsichtig: Jetzt haben wir es geschafft.
Das Leben war offenbar noch nicht ganz unserer Meinung.
Wieder dieses Piepsen
Wir waren auf dem Weg nach Bari, als die Sicherung erneut flog. Das Piepsen begann wieder.
Christian sah auf das Display. Ich sah zu ihm. Keiner von uns musste etwas sagen. Nicht schon wieder.
Diesmal traf uns der Alarm härter. Nicht, weil wir völlig ratlos waren, sondern weil wir geglaubt hatten, das Problem bereits hinter uns zu haben.
Wir maßen die Spule. 0,06 Ohm. Viel zu wenig. Das deutete klar auf einen Kurzschluss hin.
Damit wurde uns klar: Das Steuerungsgerät war nicht die Ursache. Auch die Reparatur in Vieste war nicht das Problem. Der Fehler lag im Antrieb selbst.
Die Sicherung hatte genau das getan, wofür sie da war. Sie hatte die Anlage vor einem tiefer liegenden Defekt geschützt.
Nur bedeutete das für uns: Die Suche begann von vorne.
Wochenende in Bari
Wir erreichten Bari. Es war Wochenende. Kurzfristig jemanden zu finden, der sich mit einem Kettenantrieb auskannte, war praktisch unmöglich.
Also telefonierten wir, schrieben Nachrichten und erklärten immer wieder, welches System wir hatten, was bereits geprüft worden war und welche Werte wir gemessen hatten.
Solche Stunden tauchen in keinem Reisekatalog auf. Man sitzt im Cockpit, das Handy in der Hand, den nächsten Hafen im Kopf und einen kaputten Antrieb unter Deck. Draußen scheint die Sonne. Rundherum beginnt ein italienischer Abend. Und man selbst sucht nach einer Firma, die ein technisches Problem lösen kann, von dem man wenige Wochen zuvor noch nicht einmal wusste, dass es existiert.
Also fuhren wir weiter nach Brindisi.
Unser besonderer Roadtrip durch Apulien
Unterwegs fanden wir Alessio. Er hörte sich unser Problem an und vermittelte uns an eine Firma, die den Antrieb reparieren konnte. Für diese Hilfe waren wir unglaublich dankbar.
Die Firma lag allerdings mehr als eine Stunde entfernt. Wir mieteten kurzfristig ein Auto, bauten den Antrieb aus und legten ihn vorsichtig in den Kofferraum.
Andere Menschen fahren in Italien zu Weingütern, Stränden oder kleinen Bergdörfern. Wir fuhren mit einem Kettenantrieb durch Apulien.
Auch das ist eine Form von Freiheit. Man kann jederzeit spontan losfahren. Man sucht sich nur nicht immer selbst aus, wohin.
Die Firma reparierte den Antrieb innerhalb von drei Tagen. Nach all dem Warten fühlten sich drei Tage beinahe wie Expressservice an.
Dann fuhren wir die Strecke erneut, holten das Teil ab und brachten es zurück zu unserer Lady.
Der schwierigste Knopfdruck
Als wir Brindisi verließen, war alles wieder eingebaut. Theoretisch mussten wir nur den Autopiloten einschalten.
Praktisch saßen wir vor dem Schalter und zögerten.
Wenn man ein bestimmtes Piepsen oft genug gehört hat, beginnt man irgendwann, es schon zu erwarten. Man beobachtet jede Anzeige, hört auf jedes Geräusch und fragt sich bei jeder kleinen Kurskorrektur, ob gleich wieder etwas passiert.
Christian sah zu mir. Dann drückten wir den Knopf.
Der Autopilot übernahm.
Kein Alarm.
Keine Fehlermeldung.
Nur der Kurs vor uns.
Minuten vergingen. Dann Stunden. Unsere Lady steuerte weiter. Wir sahen einander immer wieder an, trauten uns aber noch nicht, uns wirklich zu freuen. Zu oft hatten wir schon gedacht, das Problem sei gelöst.
Doch diesmal blieb es ruhig.
Etappe für Etappe kam das Vertrauen zurück.
Was Freiheit wirklich braucht
Mittlerweile sind wir seit mehr als drei Wochen mit dem reparierten Autopiloten und Antrieb unterwegs. Alles funktioniert einwandfrei. Wir schreiben diesen Satz noch immer vorsichtig und klopfen sicherheitshalber auf Holz.
Trotzdem suchen wir nach einem passenden Reserve-Kettenantrieb. Mehrere Firmen haben wir bereits kontaktiert. Die meisten möchten verständlicherweise persönlich an Bord kommen, sich alles ansehen und uns direkt beraten. Das wäre sinnvoll. Nur liegt unser Boot selten lange genug dort, wo sich gerade der passende Betrieb befindet.
Die Suche geht deshalb weiter. Nicht, weil wir Joachim, Furuno oder dem reparierten System nicht vertrauen. Im Gegenteil. Ohne ihre Unterstützung wären wir vermutlich noch deutlich länger festgelegen.
Aber diese Wochen haben uns gezeigt, dass Freiheit nicht bedeutet, auf niemanden angewiesen zu sein.
Freiheit braucht Menschen, die erreichbar sind. Wissen, das weiterhilft. Ersatzteile, Geduld und manchmal ein Mietauto mit einem Kettenantrieb im Kofferraum.
Vor allem braucht Freiheit einen Plan B. Und den Mut, nach allen Rückschlägen wieder auf den Schalter zu drücken.
Vielleicht ist Freiheit gar nicht das Leben ohne Plan. Vielleicht ist Freiheit das Vertrauen, auch dann weiterzukommen, wenn der ursprüngliche Plan längst nicht mehr funktioniert.

Für alle, die es genau wissen wollen: unser Relais-Umbau, sauber aufgezeichnet.