Es gibt Momente auf einem Segelboot, da redet man sich Dinge schön. „Das wird schon normal sein." „Der Motor ist eben nicht mehr der Jüngste." „Vielleicht liegt es nur am Diesel."
Wir haben uns das ziemlich lange gesagt. Während hinter unserer Lady eine Rauchwolke hing, die auf manchen Videos fast beeindruckender war als die Landschaft.
Unser Motor lief. Er sprang an. Er brachte uns weiter. Und solange etwas funktioniert, möchte man nur ungern glauben, dass darunter vielleicht gerade ein größeres Problem wächst. Doch irgendwann ließ sich der Rauch nicht mehr schönreden. Und der Ölverbrauch schon gar nicht.
Zehn Liter, die irgendwo geblieben sein mussten
Unser Yanmar ist rund dreißig Jahre alt, hat einen Turbolader und inzwischen etwa 3.800 Betriebsstunden auf dem Zähler. Ein Motor mit Geschichte, Charakter und offenbar sehr eigenen Vorstellungen davon, wie viel Aufmerksamkeit er unterwegs braucht.
Auf den letzten rund tausend Seemeilen hatten wir zehn Liter Öl nachgefüllt. Zehn Liter. Christian zog den Messstab heraus, wischte ihn ab und kontrollierte noch einmal. Ich wartete auf seinen Blick, bevor er überhaupt etwas sagte.
„Schon wieder weniger."
Das waren zwei Worte, die jedes Mal ein bisschen schwerer wurden. Denn Öl verschwindet nicht einfach. Es tropft irgendwo heraus, wird verbrannt oder landet an einem Ort, an dem man es lieber nicht haben möchte. Unter dem Motor fanden wir keine entsprechende Menge. Im Wasser auch nicht. Also musste ein großer Teil verbrannt werden.
Und plötzlich sahen wir die Rauchwolken mit anderen Augen. Nicht mehr als lästige Begleiterscheinung eines alten Motors. Sondern als Zeichen, das uns schon länger etwas sagen wollte.
Wir reparierten alles, was uns sinnvoll erschien
Wir wechselten das Öl, erneuerten den Dieselfilter und spülten den gesamten Dieseltank durch. Nicht nur einmal, sondern zweimal. Wir gaben ein Additiv dazu, prüften, beobachteten und hofften bei jedem Start, dass diesmal weniger Rauch aus dem Auspuff kommen würde.
Der Motor sprang an. Der Rauch kam mit.
Man wird erstaunlich erfinderisch, wenn man eine unangenehme Wahrheit noch ein bisschen hinausschieben möchte. Vielleicht muss das Additiv erst wirken. Vielleicht war der Motor noch nicht warm genug. Vielleicht wird es auf der nächsten Etappe besser.
Es wurde nicht besser. Und während wir weiterfuhren, wuchs diese leise Sorge mit, die man keinem Foto ansieht. Was, wenn der Motor mitten auf einer Etappe ernsthaft ausfällt? Was, wenn wir ihm gerade mehr schaden, als wir bemerken? Was, wenn Spanien plötzlich sehr weit weg ist?
Unsere gut gemeinte Schonung
Wir kontaktierten den Voreigner und holten zusätzlich mithilfe von KI weitere Einschätzungen ein. Dabei erzählten wir auch, wie wir den Motor normalerweise fuhren: meist mit etwa 1.700 bis 1.800 Umdrehungen. Wir hielten das für vernünftig. Der Motor war schließlich alt. Also wollten wir ihn nicht quälen, nicht unnötig hochdrehen und möglichst schonend behandeln.
Die Antwort kam ziemlich eindeutig: Genau das könnte das Problem sein. Ein Motor mit Turbolader braucht eine gewisse Drehzahl, damit er richtig arbeitet. Etwa 2.200 bis 2.500 Umdrehungen seien nötig, damit der Turbolader sauber läuft und Ablagerungen nicht immer mehr werden.
Christian sah mich an. Ich sah zurück.
„Wir haben ihn kaputtgeschont."
Na bravo. Ausgerechnet unsere Vorsicht könnte dazu geführt haben, dass der Motor immer schlechter arbeitete. Das Leben hat manchmal einen eigenartigen Humor: Man meint es besonders gut und erreicht damit beinahe das Gegenteil.
Die kleine Marina, die uns sofort überraschte
Trotzdem wollten wir nicht einfach den Gashebel nach vorne schieben und hoffen, dass eine höhere Drehzahl all unsere Sorgen wegbläst. Zehn Liter Öl waren zu viel. Der Rauch war zu deutlich. Und unser Vertrauen inzwischen zu klein. Wir brauchten jemanden, der sich den Motor direkt ansah.
Nach der Durchfahrt durch die Straße von Messina nahmen wir deshalb Kurs auf Porto di Palmi in Kalabrien. Dort sollte ein Yanmar-Mechaniker zu uns kommen. Zumindest war das der Plan. Und Pläne haben auf unserer Reise bekanntlich ein bewegtes Eigenleben.
Als wir in Porto di Palmi einfuhren, schien die Marina mit jedem Meter kleiner zu werden. Die Einfahrt wirkte eng, die Mauern kamen näher, und während Christian unsere Lady vorsichtig hineinmanövrierte, dachte ich nur: Wie sollen wir hier jemals wieder herauskommen?
Kaum lagen wir fest, änderte sich unser Gefühl. Die Menschen empfingen uns herzlich, halfen unkompliziert und gaben uns sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Aus der Marina, bei der wir beim Einfahren kurz schlucken mussten, wurde einer der Orte, die uns besonders positiv in Erinnerung geblieben sind.
Wir blieben drei Nächte. Und warteten auf den Mann, der uns sagen sollte, ob unser alter Yanmar noch eine Zukunft hatte.
Dann schob er den Gashebel nach vorne
Der Mechaniker kam an Bord, sah sich den Motor an und reinigte zunächst den Filter des Turboladers. Danach startete er den Yanmar. Der Motor lief im Leerlauf. Wir standen daneben.
Dann griff der Mechaniker zum Gashebel und schob ihn nach vorne. Die Drehzahl stieg. Der Motor wurde laut. Das gesamte Schiff begann zu vibrieren. Und während der Mechaniker völlig entspannt wirkte, standen Christian und ich daneben, als würde gerade jemand unser dreißig Jahre altes Herzstück absichtlich an seine Grenzen bringen.
Noch mehr Gas. Noch mehr Vibration. Ich sah Christian an. Sein Blick sagte genau das, was ich dachte: Hält der das aus?
Der Mechaniker blieb ruhig. Für ihn war das kein Drama, sondern genau das, was dieser Motor jetzt brauchte. Er ließ ihn mehrmals mit hoher Drehzahl laufen. Hinter unserer Lady kam zunächst wieder Rauch aus dem Auspuff. Dunkel, deutlich und alles andere als beruhigend.
Dann wurde er weniger. Der Motor lief weiter. Noch einmal hohe Drehzahl. Noch einmal dieses Vibrieren im ganzen Schiff. Und plötzlich war der Rauch weg. Nicht ein bisschen weniger. Weg.
Die einfachste Diagnose unserer Reise
Der Mechaniker stellte den Motor ab und erklärte uns, was wir künftig tun sollten: Mehr Drehzahl. Nicht ständig im niedrigen Bereich fahren. Den Turbolader arbeiten lassen. Dem Motor regelmäßig die Möglichkeit geben, sich freizublasen.
Wir hatten mit einer komplizierten Diagnose gerechnet. Vielleicht mit einem defekten Turbolader, einer großen Reparatur oder einer schlechten Nachricht, die unsere Reiseplanung wieder komplett durcheinanderwirft. Stattdessen lautete die Antwort sinngemäß: Gebt ihm mehr Gas.
Manchmal liegt die Lösung erstaunlich nahe an dem, wovor man sich am meisten scheut. Wir wollten den Motor schützen, indem wir ihn schonten. Tatsächlich brauchte er das Gegenteil. Er wollte gefordert werden.
Die Erleichterung nach dem Rauch
Der Mechaniker beruhigte uns. Wir könnten mit dem Motor problemlos bis nach Spanien fahren. Dort sollten wir einen vollständigen Service machen lassen und alles gründlich überprüfen.
Dieser Satz veränderte sofort die Stimmung an Bord. Der Motor war nicht kurz vor dem Ende. Unsere Reise musste nicht unterbrochen werden. Wir mussten keinen neuen Motor suchen, keine Wochen in einer Werft verbringen und nicht überlegen, wie wir unser gesamtes Budget neu ordnen. Wir konnten weiterfahren.
In diesem Moment merkte ich erst, wie viel Anspannung sich in den vergangenen Wochen angesammelt hatte. Sorge ist an Bord selten laut. Sie sitzt einfach mit im Cockpit. Bei jedem Start. Bei jedem Blick auf den Ölstand. Bei jeder Rauchwolke hinter dem Schiff. Und wenn sie endlich verschwindet, fühlt sich selbst ein laufender Motor plötzlich wie ein kleines Wunder an.
Was wir ausgerechnet vom Motor gelernt haben
Seitdem fahren wir unseren Yanmar mit höherer Drehzahl und hören sehr genau hin. Wir beobachten den Rauch, kontrollieren den Ölstand und suchen bereits nach einem guten Yanmar-Mechaniker auf dem spanischen Festland, der einen vollständigen Service machen kann.
Denn wir haben gelernt, dass Vertrauen nicht bedeutet, etwas einfach laufen zu lassen. Vertrauen heißt auch, hinzusehen. Nachzufragen. Etwas zu verändern, obwohl man überzeugt war, bisher alles richtig gemacht zu haben.
Und manchmal braucht ein alter Motor genau das, was auch Menschen gelegentlich brauchen: nicht noch mehr Schonung, sondern das Vertrauen, dass mehr in ihm steckt.
Vertrauen heißt auch, hinzusehen. Nachzufragen. Etwas zu verändern, obwohl man überzeugt war, bisher alles richtig gemacht zu haben.
Kaum hatten wir diese Sorge etwas losgelassen, wartete schon der nächste Abschnitt unserer Reise auf uns. Sizilien. Diesmal nicht mit langen Stadtbesichtigungen oder gemütlichen Tagen in einer Marina. Wir wollten ankern, kurz durchatmen und möglichst schnell weiter Richtung Sardinien.