Sizilien war diesmal kein Ort zum Bleiben. Es war ein kurzer, wunderschöner Zwischenstopp auf dem Weg zu etwas, das uns noch wichtiger war.
2019 hatten wir die Insel ausführlicher kennengelernt. Wir waren durch Städte gegangen, hatten Orte entdeckt, die uns begeistert hatten, und andere, die weniger zu uns passten. Diesmal wollten wir nichts abhaken, keine Sehenswürdigkeiten sammeln und keine Marina suchen.
Wir wollten ankern. Ein paar Tage zur Ruhe kommen, das klare Wasser genießen und dann weiter Richtung Sardinien. Denn dort würden Anfang August unsere Kinder auf uns warten.
Endlich wieder dieses Geräusch
In Oliveri ließen wir den Anker bei ungefähr fünf Metern Wassertiefe fallen. Die Kette rauschte über die Rolle, verschwand im klaren Wasser und legte sich irgendwo unter uns auf den Grund.
Nach den vielen Tagen in Häfen, den Reparaturen und den technischen Fragen fühlte sich allein dieses Geräusch wie ein kleines Stück zurückgewonnene Freiheit an. Kein Steg. Keine Marina-Rechnung. Keine Frage, wann ein Techniker kommt. Nur unsere Lady, die sich langsam in den Wind drehte, und viel Platz rund um uns.
Wir standen im Cockpit und schauten auf die Bucht. Kaum andere Boote, ruhiges Wasser, Sizilien im Hintergrund. Für einen Moment mussten wir nichts organisieren, niemanden anrufen und nichts reparieren. Wir waren einfach da.
In der Nacht lief leichter Schwell in die Bucht. Unsere Lady begann sanft zu rollen, gerade stark genug, um uns daran zu erinnern, dass ein Bett auf einem Boot selten stillsteht. Man schläft nicht immer gut vor Anker. Aber man schläft frei.
Besuch unter unserer Lady
Am nächsten Morgen war das Wasser so klar, dass wir den Grund unter dem Schiff erkennen konnten. Wir standen im Cockpit, als sich plötzlich etwas Dunkles unter der Oberfläche bewegte. Zuerst nur ein Schatten. Dann noch einer.
Rochen.
Sie glitten dicht an unserer Lady vorbei, ruhig, elegant und beinahe schwerelos. Ihre Flügel bewegten sich langsam durch das Wasser, als würden sie nicht schwimmen, sondern schweben. Wir sagten eine Weile gar nichts. Wir standen einfach da und sahen ihnen zu.
Kein Foto kann ganz festhalten, wie still so ein Moment wird. Rundherum gibt es plötzlich nichts Wichtigeres als diese Tiere, die für ein paar Minuten direkt neben dem eigenen Zuhause durchs Wasser gleiten.
Genau für solche Augenblicke nehmen wir all das andere in Kauf. Die Reparaturen. Das Warten. Die Unsicherheit. Die Nächte, in denen das Boot schaukelt. Und die Tage, an denen ein Plan nach dem anderen nicht funktioniert. Dann schwimmen zwei Rochen unter dem Schiff vorbei, und für einen Moment weiß man wieder ganz genau, warum man losgefahren ist.
Sizilien ohne Programm
Von Oliveri segelten wir weiter nach Castel di Tusa. Auch dort blieben wir vor Anker und erlebten Sizilien diesmal fast ausschließlich vom Wasser aus.
Die Küste zog langsam an uns vorbei. Felsen, kleine Orte, helle Häuser und Hänge, die sich im Abendlicht verfärbten. Wir sahen vieles nur aus der Entfernung und hatten trotzdem nicht das Gefühl, etwas zu verpassen.
Vielleicht muss man nicht jeden Ort betreten, um ihn zu erleben. Manchmal reicht es, am Morgen davor aufzuwachen, ihn vom Cockpit aus zu betrachten und später wieder den Anker zu heben.
Früher hätten wir wahrscheinlich versucht, möglichst viel unterzubringen. Noch schnell an Land, noch eine Altstadt, noch ein Restaurant, noch ein Foto. Heute spüren wir schneller, wann etwas reicht. Nicht aus Desinteresse. Sondern weil diese Reise kein Wettbewerb darin ist, möglichst viele Orte zu sammeln.
Unsere etwas andere Einkaufsliste
In Termini Imerese gingen wir noch einmal an Land. Vor uns lag die längere Überfahrt nach Sardinien, also füllten wir unsere Vorräte auf. Wasser, Essen, kleine Snacks und alles, was man auch dann noch halbwegs angenehm zu sich nehmen kann, wenn das Boot sich stärker bewegt.
Und drei Liter Motoröl.
Nach den vergangenen Wochen gehörte Motoröl inzwischen ebenso selbstverständlich auf unsere Einkaufsliste wie Brot und Wasser. Unser Yanmar lief besser, aber unser Vertrauen war noch vorsichtig. Für die bevorstehende Überfahrt wollten wir vorbereitet sein.
Andere nehmen aus Sizilien Wein, Olivenöl oder Keramik mit. Wir kehrten mit Lebensmitteln und drei Litern Motoröl zum Boot zurück. Unsere Reiseandenken werden zunehmend praktischer.
Warum wir nicht einfach blieben
Es wäre leicht gewesen, noch ein paar Tage in Sizilien zu verbringen. Die Buchten waren schön, das Wasser klar und das Wetter angenehm. Nach all den Reparaturen und ungeplanten Hafentagen hätten wir den Anker einfach liegen lassen können.
Aber auf unserem Handy lagen nicht nur Wetterkarten. Dort standen auch die Ankunftsdaten unserer Kinder. Anfang August würden sie nach Sardinien kommen. Wir wollten dort sein, wenn sie ankamen. Nicht irgendwo auf Sizilien festsitzen, weil sich der Wind gedreht hatte und die Überfahrt plötzlich nicht mehr möglich war.
Zwischen uns und Sardinien lagen je nach Route etwa 150 bis 200 Seemeilen. Am Ende sollten es sogar 222 werden. Rund 37 Stunden auf See, mit allem, was Wind, Wellen und Nacht für uns bereithalten würden.
Für eine solche Strecke braucht man ein gutes Wetterfenster. Und Wetterfenster nehmen selten Rücksicht auf Familienpläne. Wenn die Bedingungen passen, fährt man. Auch wenn der Ankerplatz schön ist. Auch wenn man gerade erst zur Ruhe gekommen ist. Auch wenn ein Teil von einem gern noch geblieben wäre.
Wenn hinter dem Horizont Menschen warten
Auf einer Weltreise denkt man oft an Freiheit, Ferne und daran, ohne festen Plan unterwegs zu sein. Aber manchmal bekommt eine Route plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Dann liegt hinter dem Horizont nicht nur eine neue Insel. Dann warten dort Menschen, die man liebt. Und aus einer Wetterkarte wird ein Versprechen. Aus Seemeilen wird Vorfreude.
Aus der Frage „Wo möchten wir als Nächstes hin?" wird die viel wichtigere Frage: „Schaffen wir es rechtzeitig?"
Deshalb hoben wir den Anker. Nicht, weil Sizilien uns zu wenig gegeben hatte. Im Gegenteil. Die Insel schenkte uns ruhige Buchten, klares Wasser und zwei Rochen, die für ein paar Minuten unter unserer Lady dahinglitten. Mehr brauchte es diesmal nicht.
Manchmal zeigt sich Freiheit nicht darin, überall bleiben zu können. Manchmal zeigt sie sich darin, genau zu wissen, für wen man weiterfährt.
Wir sahen zurück auf die Küste und dann nach vorne auf das offene Meer. Hinter uns lag ein kurzer, wunderschöner Gruß. Vor uns lagen 222 Seemeilen, rund 37 Stunden auf See und Sardinien. Und dort warteten unsere Kinder.