11. August 2026

Zwei Monate schwimmende Akademie

Wenn der Wind den Terminkalender nicht liest

Arbeiten am Laptop im Salon unserer Lady

Seit zwei Monaten leben und arbeiten wir auf unserem Segelboot.

Auf den Fotos sieht das ziemlich beneidenswert aus: Meer, Sonne, Laptop, barfuß arbeiten und zwischendurch ins Wasser springen. Abends sitzen wir im Cockpit, schauen aufs Wasser und brauchen für die Aussicht keinen Urlaub mehr zu buchen.

Das ist alles wahr. Aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit.

Denn unser Büro schwimmt. Und ein schwimmendes Büro hält sich erstaunlich selten an Öffnungszeiten, Kalender oder Videocalls.

Wenn der Wind den Terminkalender nicht liest

Ein Kundengespräch um zehn Uhr klingt zunächst unkompliziert. Laptop öffnen, Kamera einschalten und loslegen.

Auf einem Boot braucht es dafür allerdings etwas mehr Glück. Das Boot sollte ruhig liegen. Das Internet muss stabil sein. Wir dürfen nicht gerade den Anker heben, in eine Marina einfahren oder mitten in einer Reparatur stecken.

Manchmal planen wir unseren Tag nach den Terminen der Akademie. Manchmal nach Wind und Wetter. Meistens sind beide Seiten überzeugt, wichtiger zu sein.

Dann sitzen Christian und ich am Vorabend im Cockpit, schauen auf den Kalender, danach auf die Wetter-App und schließlich einander an.

„Wir könnten morgen früh losfahren."
„Ich habe um zehn einen Call."
„Dann fahren wir danach."
„Danach kommt der Wind von vorne."

Und schon beginnt die nächste kleine Verhandlung zwischen unserem Business und dem Meer.

Aus der Akademie wurde ein gemeinsames Projekt

Christian arbeitet inzwischen ebenfalls in unserer Akademie mit. Wir entwickeln gemeinsam neue Angebote, besprechen Inhalte, planen Projekte und überlegen, wie wir unsere Arbeit weiterentwickeln können.

Früher saßen wir dafür in getrennten Räumen. Heute liegen zwischen uns oft nur wenige Meter. Ich führe ein Gespräch im Cockpit, während Christian unter Deck an einem Konzept arbeitet. Wenig später tauschen wir die Plätze, weil die Sonne zu stark wird oder der nächste Termin beginnt.

Wir hören gegenseitig unsere Gespräche, Ideen und manchmal auch die Stellen, an denen der Geduldsfaden etwas dünner wird.

Privatleben, Arbeit und Reise lassen sich an Bord nicht ordentlich voneinander trennen. Alles passiert gleichzeitig. Während wir über ein neues Angebot sprechen, kontrolliert einer von uns nebenbei die Ankerkette. Während ich eine Ausbildung begleite, beobachtet Christian den Wind. Und wenn irgendwo ein ungewohntes Geräusch auftaucht, wird aus der schwimmenden Akademie innerhalb weniger Sekunden eine kleine Werkstatt.

Unser Arbeitsweg ist kurz

Der Weg ins Büro besteht aus wenigen Schritten. Das klingt praktisch. Dafür gibt es andere Herausforderungen.

Bei 38 Grad wird selbst ein einfacher Gedanke schwer. Der Laptop wird heiß, die Luft steht unter Deck, und irgendwann fühlen sich selbst kurze E-Mails wie anspruchsvolle Denkarbeit an.

Dann wandern wir mit unseren Geräten von einem Platz zum nächsten. In den Schatten. Zurück ins Cockpit. Wieder unter Deck. Dorthin, wo gerade etwas Luft geht und der Bildschirm noch lesbar ist.

Manchmal liegt unsere Lady vollkommen ruhig im Wasser. Dann funktioniert das Arbeiten fast wie an Land, nur mit der besseren Aussicht. An anderen Tagen rollt das Boot sanft von einer Seite zur anderen. Nicht stark genug, um gefährlich zu sein, aber ausreichend, um die Konzentration regelmäßig vom Bildschirm aufs Meer zu schicken.

Christian kann vieles erstaunlich gut ausblenden. Ich höre dagegen jedes Geräusch, das neu klingt.

„Hast du das auch gehört?"

Dann lauschen wir beide. Ein Klopfen. Ein Summen. Ein kurzes Piepsen. Manchmal ist es nur eine Leine. Manchmal der Kühlschrank. Und manchmal beginnt damit eine Geschichte, die mehrere Wochen dauert.

Als aus einem Arbeitstag zwei Wochen Warten wurden

Als unser Autopilot ausfiel, saßen wir länger fest als geplant. Aus ein paar Tagen wurden fast zwei Wochen. Wir warteten auf einen Techniker, suchten nach Lösungen und verschoben unsere Weiterfahrt immer wieder.

Früher hätte mich so etwas vollkommen aus dem Rhythmus gebracht. Ich hätte neue Pläne geschrieben, Alternativen gerechnet und mich darüber geärgert, dass der ursprüngliche Ablauf nicht funktionierte.

Ganz verschwunden ist dieser Reflex noch nicht. Auch heute brauche ich manchmal einen Moment, bis aus „Das darf jetzt nicht wahr sein" ein „Dann bleiben wir eben noch hier" wird.

Aber das Meer ist geduldig. Es diskutiert nicht. Und es lässt sich von einem vollen Kalender überhaupt nicht beeindrucken.

Also arbeiteten wir weiter, gingen durch Vieste, erledigten unsere Termine und machten aus dem unfreiwilligen Aufenthalt langsam unseren Alltag. Nicht geplant. Aber trotzdem unser Leben.

Gemeinsam auf wenigen Quadratmetern

Zusammen zu leben ist eine Sache. Zusammen zu arbeiten eine andere. Beides auf einem Segelboot zu tun, bringt noch einmal ganz eigene Regeln mit sich.

Es gibt keinen langen Heimweg, um nach einem anstrengenden Tag Abstand zu gewinnen. Es gibt keine Bürotür, die man schließen kann. Und wenn einer schlechte Laune hat, ist der andere meistens sehr schnell darüber informiert.

Gleichzeitig lernen wir uns noch einmal neu kennen. Wir sehen, wer in welcher Situation ruhig bleibt. Wer schneller eine Lösung sucht. Wer zuerst das Problem erkennt und wer zuerst daran glaubt, dass alles wieder gut wird.

Wir teilen Aufgaben nicht mehr danach auf, wem sie theoretisch gehören. Wir machen, was gerade notwendig ist. Wenn das Boot Aufmerksamkeit braucht, werden die Laptops zugeklappt. Wenn ein Termin beginnt, sorgt der andere dafür, dass rundherum möglichst wenig passiert. Und wenn am Abend beide müde sind, reden wir trotzdem noch über neue Ideen für die Akademie.

Die schönen Bilder sind trotzdem echt

All das bedeutet nicht, dass die Fotos lügen. Das türkisfarbene Wasser ist wirklich so türkis. Die Sonnenuntergänge sind wirklich so schön. Und ja, manchmal schließen wir nach einem Arbeitstag den Laptop und springen wenige Minuten später ins Meer.

Es gibt diese Momente, in denen wir uns ansehen und kaum glauben können, dass das gerade unser Alltag ist. Früher hätten wir für diese Aussicht Urlaub genommen. Heute steht davor vielleicht ein Kundentermin, danach muss noch eine Rechnung geschrieben werden, und irgendwo wartet bestimmt ein technisches Thema auf Aufmerksamkeit.

Aber der Blick bleibt derselbe. Vielleicht sogar noch schöner, weil er nicht mehr nur für zwei Wochen im Jahr zu unserem Leben gehört.

Zwei Monate später

Nach zwei Monaten ist dieses Leben noch immer neu. Wir haben keinen perfekten Rhythmus gefunden, und wahrscheinlich wird es ihn auch nie geben. Jeder Hafen ist anders. Jeder Ankerplatz bringt neue Bedingungen. Manche Tage laufen genau nach Plan, andere überhaupt nicht.

Wir arbeiten manchmal konzentrierter als früher und manchmal deutlich chaotischer. Wir verschieben Termine, ändern Routen und lernen ständig dazu. Wir ärgern uns über Technik, freuen uns über stabiles Internet und feiern Tage, an denen Arbeit, Wind und Wetter ausnahmsweise dieselbe Idee haben.

Am Abend sitzen wir oft noch eine Weile im Cockpit. Manchmal reden wir über die Akademie. Manchmal über die nächste Etappe. Und manchmal sagen wir gar nichts. Dann liegt unsere Lady ruhig im Wasser, die Laptops sind geschlossen und irgendwo an der Küste gehen langsam die Lichter an.

Unser Leben ist nicht besser organisiert als früher. Wahrscheinlich sogar deutlich weniger. Aber es fühlt sich mehr nach uns an.

Symbolbild schwimmende Akademie