12. August 2026

222 Seemeilen bis Sardinien

Der Wetterbericht versprach eine ruhige Überfahrt. Das Meer liest offenbar keine Wetterberichte.

Unsere Lady unter Segeln auf dem Weg nach Sardinien

Wir lagen in Termini Imerese vor Anker und wussten, dass wir nicht länger warten wollten. Anfang August sollten unsere Kinder nach Sardinien kommen, und zwischen uns und ihnen lagen noch mehr als 200 Seemeilen.

Eine Strecke, die man nicht einfach irgendwann fährt. Man braucht ein passendes Wetterfenster. Und wenn es sich öffnet, muss man los.

Also verstauten wir alles, kontrollierten noch einmal den Motor, prüften die Route und sicherten jedes Teil, das bei stärkerer Bewegung durchs Schiff fliegen könnte. Inzwischen wissen wir ziemlich genau, welche Dinge an Bord plötzlich ein Eigenleben entwickeln, wenn die Wellen höher werden.

Wir hatten mit etwa 150 bis 200 Seemeilen gerechnet. Am Ende wurden es 222. Vor uns lagen rund 37 Stunden auf See.

Delfine zum Abschied

Noch bevor Sizilien richtig hinter uns verschwunden war, tauchten die ersten Delfine auf. Zuerst sahen wir nur eine Bewegung neben dem Bug. Dann schoss einer durch das Wasser, ein zweiter folgte, und plötzlich begleiteten sie unsere Lady ein Stück hinaus aufs offene Meer.

Wir gingen beide nach vorne und sahen hinunter. Die Delfine glitten direkt unter dem Bug hindurch, tauchten auf, verschwanden wieder und kamen auf der anderen Seite zurück. Für ein paar Minuten war alles andere unwichtig. Nicht die Entfernung. Nicht die bevorstehende Nacht. Nicht die Frage, ob Wind und Motor wirklich 37 Stunden lang mitspielen würden.

„Das ist ein gutes Zeichen", sagte ich. Christian lächelte. Natürlich wussten wir, dass die Delfine nicht eigens gekommen waren, um uns sicher nach Sardinien zu schicken. Aber mitten auf dem Meer darf man sich seine eigenen Zeichen machen. Und dieses fühlte sich an wie: Fahrt los. Das wird schon.

Später an diesem ersten Tag kamen sie noch einmal. Zweimal Delfine an einem Tag. Mehr Ermutigung konnten wir kaum verlangen.

Segeln, Motoren und langsam in den Rhythmus kommen

Am Anfang konnten wir segeln. Der Wind passte, die Segel standen gut, und unsere Lady glitt ruhig Richtung Westen. Später wurde der Wind schwächer, und der Motor musste übernehmen. Danach kam wieder etwas Wind, dann wieder weniger. So wurde die Überfahrt zu einem ständigen Wechsel zwischen Segeln und Motoren. Wir nahmen, was das Meer uns gab.

Auf langen Strecken verändert sich das Zeitgefühl. Man denkt nicht mehr in Vormittag, Nachmittag und Abend. Man denkt in Wachzeiten, Mahlzeiten, Positionsmeldungen und den nächsten Stunden bis zur Dunkelheit.

Einer saß im Cockpit und beobachtete den Horizont, die Instrumente und den Verkehr. Der andere versuchte unter Deck zu schlafen. Versuchte. Denn Schlaf auf See ist eine besondere Form des Vertrauens. Man liegt in der Koje, hört das Wasser am Rumpf, spürt jede Kursänderung und versucht aus Christians Schritten im Cockpit herauszuhören, ob alles ruhig ist. Man schläft nie ganz. Ein Teil von einem bleibt immer wach.

Unsere erste richtige Nachtfahrt

Als die Sonne unterging, war Sizilien längst hinter uns verschwunden. Der Horizont löste sich langsam auf, das Meer wurde dunkel und verlor jede Kontur. Tagsüber sieht man die Wellen kommen. Man erkennt Wolken, Schiffe und Veränderungen am Wasser. Nachts sieht man vor allem eines: wenig.

Unsere erste richtige Nachtfahrt war herausfordernd, aber ruhig. Wir hatten unsere Abläufe besprochen, wechselten uns ab und versuchten, so viel Schlaf wie möglich zu bekommen.

Ich lag unter Deck und hörte den Motor. Gleichmäßig. Ruhig. Anders als in den Wochen davor war dieses Geräusch diesmal keine Sorge, sondern fast eine Beruhigung. Wenn Christian im Cockpit etwas bewegte oder der Autopilot den Kurs korrigierte, war ich sofort wieder wach.

„Alles gut?", fragte ich einmal nach oben. „Alles ruhig." Zwei Wörter, die in einer dunklen Nacht auf See erstaunlich viel bedeuten können.

Plötzlich verschwand der Horizont

Am nächsten Morgen saßen wir im Cockpit, als sich vor uns ein heller Schleier über das Wasser schob. Zuerst sah es aus wie eine Wolke, die sehr tief hing. Dann wurde das Weiß dichter, und innerhalb weniger Minuten verschwand der Horizont. Das Meer, der Himmel und alles dazwischen wurden zu einer einzigen grauen Fläche.

Eine Nebelbank.

Christian blickte auf die Instrumente, ich suchte draußen nach irgendeinem festen Punkt. Da war keiner. Sofort veränderte sich die Stimmung. Die Gespräche hörten auf, die Blicke wurden konzentrierter. Wir beobachteten den Verkehr, kontrollierten den Kurs und hörten genauer hin als zuvor.

Nebel auf See fühlt sich anders an als an Land. An Land weiß man, dass irgendwo neben einem ein Haus, eine Straße oder ein Baum steht. Auf dem Meer fehlt jeder feste Bezugspunkt. Man fährt weiter, obwohl man kaum sieht, wohin.

Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten. Langsam tauchte der Horizont wieder auf, zuerst nur als dünne Linie, dann immer deutlicher. „Da ist er wieder", sagte ich. Und erst da merkte ich, wie sehr ich ihn vermisst hatte.

Nebelbank über dem Meer während der Überfahrt

Die Nacht, die anders kam als versprochen

In der letzten Nacht änderte sich die Stimmung. Der Wind frischte auf über 20 Knoten auf und kam direkt von vorne. Die Wellen wurden höher, unsere Lady begann stärker zu stampfen, und jede Bewegung an Bord wurde anstrengender.

Das Schwierigste war nicht einmal der Wind. Es war die Dunkelheit. Wir sahen die Wellen nicht kommen. Der Bug hob sich, blieb einen Moment oben und fiel dann wieder ins Wasser. Gischt spritzte über das Deck, das Boot arbeitete, und rundherum war nur Schwarz.

Ich hielt mich im Cockpit fest und versuchte, draußen irgendeine Struktur zu erkennen. „Siehst du etwas?", fragte ich. Christian blickte hinaus und dann wieder auf die Instrumente. „Fast nichts."

Man spürt Wellen anders, wenn man sie nicht sieht. Tagsüber kann man einschätzen, wie hoch sie sind und aus welcher Richtung sie kommen. In einer stockfinsteren Nacht kündigen sie sich nur durch die Bewegung des Bootes und das Geräusch am Rumpf an. Jede Welle kommt überraschend. Jedes stärkere Krachen lässt einen kurz aufhorchen.

Wir waren müde. Die Bewegungen wurden langsamer, die Konzentration kostete mehr Kraft, und trotzdem durfte keiner von uns unaufmerksam werden. Also hielten wir uns an das, was gerade möglich war. Kurs halten. Instrumente kontrollieren. Ablösen. Weiterfahren.

Irgendwo vor uns lag Sardinien. Wir konnten es nicht sehen. Aber wir wussten, dass es da war. Dort würden bald unsere Kinder ankommen. In dieser Nacht war Sardinien nicht einfach die nächste Insel. Es war unser Ziel. Und dieser Gedanke machte die letzten Stunden nicht leichter, aber er gab ihnen einen Sinn.

Dann wurde der Himmel heller

Nach rund 37 Stunden auf See veränderte sich die Dunkelheit. Zuerst war es nur ein heller Streifen am Horizont. Dann bekam der Himmel langsam Farbe. Aus Schwarz wurde Grau, aus Grau wurde Rosa, und irgendwann tauchten vor uns die ersten Konturen der Küste auf.

Sardinien.

Wir standen beide im Cockpit und sahen nach vorne. Müde, salzig und erschöpft. Aber plötzlich wieder hellwach. Je näher wir Villasimius kamen, desto heller wurde das Wasser. Erst dunkelblau, dann hellblau und schließlich dieses Türkis, das nach einer langen Nacht fast unwirklich aussieht.

Wir suchten einen Platz in der Bucht und ließen den Anker fallen. Die Kette rauschte ins Wasser, der Anker griff, und unsere Lady richtete sich langsam im Wind aus. Dann wurde es still. Nicht vollkommen still. Aber dieses besondere Still, das nach einer langen Überfahrt entsteht, wenn der Motor aus ist, das Boot nicht mehr stampft und man zum ersten Mal seit vielen Stunden nichts mehr tun muss.

Christian sah mich an. „Geschafft." Mehr brauchte es nicht.

Vom schwarzen Meer ins türkise Wasser

Noch wenige Stunden zuvor hatten wir in völliger Dunkelheit gegen Wind und Wellen gearbeitet. Nun ging über Sardinien die Sonne auf, und unsere Lady lag ruhig im türkisen Wasser.

Die Müdigkeit war noch da. Das Salz klebte auf unserer Haut, und wahrscheinlich sahen wir nicht halb so paradiesisch aus wie die Bucht um uns herum. Aber wir waren glücklich. Nicht dieses laute, überschwängliche Glück. Sondern dieses tiefe Gefühl, genau dort angekommen zu sein, wo man hinwollte.

Während einer Überfahrt zählt jede Stunde. Jede Welle, jede Müdigkeit und jedes Geräusch. Doch sobald der Anker fällt, verändert sich etwas. Dann bleibt vor allem der Moment, in dem aus Dunkelheit plötzlich Türkis wird.

Vor uns lagen die Buchten im Süden Sardiniens, weißer Sand und endlich wieder Zeit, den Anker etwas länger liegen zu lassen.