Juni 25, 2026
Ende April haben wir die Tür hinter uns zugemacht. Die Wohnung ging an unseren Sohn und Freundin, welche jetzt auf unseren Hund aufpassen, und wir zogen mit Sack und Pack aufs Boot. Fünf Wochen lagen wir dann noch in Novigrad am Steg, zwischen Stegnachbarn, die längst zu Freunden geworden waren, und lernten unser Schiff Handgriff für Handgriff kennen. Ölwechsel, Filter, neue Batterien, der Elektriker, der Autopilot – am Ende lief alles.
Und dann, Anfang Juni, war es so weit: die Leinen los, der Bug nach Süden.
Abfahrt Novigrad

Die erste Nacht zeigt die Zähne
Man malt sich den ersten Abend auf eigenem Kiel romantisch aus. Sonnenuntergang, ein Glas Wein, Stille. Wir bekamen etwas anderes. In der ersten Bucht, kaum dass der Anker saß, zog ein Gewitter auf – dreißig, vierzig Knoten, die über uns hinwegfegten. Und das mitten in der Nacht, wenn man nichts sieht, wenn es stockfinster ist und man nur am Heulen der Wanten hört, was da gerade geschieht.
Eine halbe Stunde lang böte es mit voller Wucht. Wir saßen im Cockpit, hielten Wache, behielten den Anker im Auge und dachten beide dasselbe: Na, das ist ja ein Empfang! Am nächsten Morgen, kaum aufgestanden, zog schon das nächste Gewitter durch. Aber in dieser einen Nacht haben wir mehr gelernt als in Wochen am Steg – wie wir reagieren, wie das Schiff reagiert, wie viel es trägt. Eine Feuertaufe, gleich am ersten Abend.
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Inseln, Buchten – und der Preis des Paradieses
Danach wurde es ruhiger und schöner. Wir tasteten uns von Bucht zu Bucht nach Süden, ankerten vor Zapuntel, sahen die Sonne über Rava ins Meer sinken und ließen in Rogoznica den Anker fallen, wo uns am Morgen ein Kormoran auf der Reling Gesellschaft leistete. Es sind diese Momente, für die man alles hinter sich lässt.
Eines aber hat uns überrascht: wie teuer Kroatien geworden ist, selbst jetzt in der Vorsaison. Eine Boje, die vor ein paar Jahren noch dreißig Euro kostete, schlägt heute mit fünfzig, sechzig zu Buche. Als ich einen Vermieter darauf ansprach, lachte er nur: „Du machst Urlaub. Lass dein Geld hier, dann fährst du wieder heim, und alles ist gut." Aus seiner Sicht hat er recht – die meisten, die hier festmachen, sind im Urlaub. Bei uns liegt die Sache anders: Wir leben hier draußen, wir arbeiten hier draußen, und da zählt jede Rechnung doppelt.

Wenn der dritte Mann streikt
Dann passierte, was wir am wenigsten gebrauchen konnten: Der Autopilot gab seinen Geist auf. Ausgerechnet der dritte Mann an Bord, der nie müde wird und uns das Steuern abnimmt, war plötzlich stumm. Wir taten, was sich tun ließ – Kabel organisiert, mit unserem Techniker telefoniert, die nächsten Schritte besprochen. Für den Moment aber hieß es: von Hand steuern, jede Seemeile mit den eigenen Händen am Rad.

Rückwärts ist eine eigene Kunst
In Stari Grad wartete die nächste Prüfung. Früher gab es hier Bojen, diesmal keine – also hieß es, rückwärts an den Steg. Und rückwärts ist unsere Lady ein eigenwilliges Wesen: schwerfällig, mit Dickkopf. Dazu blies der Wind mit fünfzehn, sechzehn Knoten quer übers Hafenbecken, und wir hatten ordentlich Respekt.
Und dann? Lief es wie am Schnürchen. Das Anlegen ein Traum, das Ablegen am nächsten Morgen genauso. Manchmal belohnt einen das Schiff für all die Mühe, die man hineingesteckt hat.

Die zweite Feuertaufe
Auf dem Weg weiter nach Süden, vorbei an Korčula mit Kurs auf Lastovo, versprach der Wetterbericht ruhige See und einen Wind, der sich beruhigen würde. Wir glaubten ihm. Doch kaum lagen wir auf Höhe der Insel, kam es anders: Eine Bö fuhr herein, die See baute sich auf, und auf einmal hatten wir alle Hände voll zu tun. Reffen, Schräglage halten, das Schiff auf Kurs zwingen – und das alles von Hand, ohne Autopilot.
Es war heftig und turbulent, und es war genau die zweite Feuertaufe, die wir brauchten. Denn so lernt man sein Boot kennen: wie es bei Wind reagiert, wie es in die Welle taucht, wie es sich wieder aufrichtet. Als wir später in ruhigerem Wasser lagen, schauten Doris und ich uns an und mussten grinsen. Absolut cool.

Leben, nicht nur reisen
Mitten in alldem läuft die Arbeit weiter. Dank Starlink haben wir Internet, wo immer wir ankern. Wir schreiben unsere Posts, beantworten Mails, führen Kundengespräche, bereiten Doris' Webinare vor. Es ist fast wie zu Hause – nur dass vor dem Bürofenster das Mittelmeer liegt und die Ankerkette leise am Bug knarzt.

Lastovo – das letzte Stück Kroatien
Jetzt liegen wir in Lastovo, weit im Süden, der letzten Insel vor der großen Überfahrt. Von hier brechen wir auf nach Italien, mit dem fernen Ziel Griechenland. Ohne Autopilot verzichten wir auf Nachtfahrten – zu zweit zwei Stunden am Rad, dann ist man durch. Also nehmen wir es in Tagesetappen: in der Früh um fünf die Leinen los und durch bis zum Abend.
Was die Überfahrt bringt, wissen wir noch nicht. Aber das ist ja der Reiz daran.

Erst wenn der Wind kommt, zeigt ein Schiff, wer es wirklich ist – und wer wir an seiner Seite sind.
Juni 17, 2026
Es sind unsere letzten Wochen in Novigrad, bevor die Leinen für die große Reise fallen. Beim ersten Mal, vor Jahren, haben wir zu Hause groß Abschied gefeiert – mit Reden, mit Umarmungen, mit diesem seltsamen Gefühl, sich von einem Leben zu verabschieden, das noch gar nicht begonnen hatte. Diesmal haben wir die Feier weggelassen und einfach einen Satz in die Welt geschickt: Wer möchte, kommt zu uns ans Schiff. Was dann geschah, hat uns überwältigt. An manchen Tagen war auf unseren dreizehn Metern mehr Leben als in mancher Wohnung, und fast jeder, der kam, brachte etwas mit. Eine Flasche Wein. Eine Gitarre. Und in einem Fall sogar eine Henne.
Der Auftakt: unsere Tennisrunde
Den Anfang machte unsere Tennisrunde. Eine ganze Truppe hatte ein paar Kilometer weiter, in Poreč, ihr Trainingslager aufgeschlagen, und an einem Nachmittag standen sie plötzlich am Steg. Erst gab es ein, zwei Gläser an Bord, dann zog die ganze Gesellschaft weiter in eine kleine Weinbar in Novigrad, und aus zwei Gläsern wurden vier, aus dem frühen Abend wurde tiefe Nacht. Ich weiß nicht mehr, worüber wir so gelacht haben, aber ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat. Am nächsten Tag sind wir zu ihnen hinübergefahren und haben dem Treiben auf dem Tennisplatz zugesehen. So einen Auftakt hätten wir uns gar nicht ausdenken können.

Sarah war über eine Woche bei uns :-), ach wie schön 😊
Gratkorn kommt – und bringt ein Versprechen mit
Wenige Tage später kündigten sich unsere Freunde aus Gratkorn an. Eigentlich hatten wir nur Sandra und Markus eingeladen, weil die anderen ja beim Tenniscamp waren, und sagten: Kommt vorbei, schlaft bei uns, und gemeinsam fahren wir die Tennisspieler besuchen. Am Ende stand die halbe Gruppe bei uns an Bord, und es wurde wieder ein Abend, der sich bis weit in die Nacht zog. Am selben Abend tauchte auch meine Cousine Claudia mit Doktor Stefan in Novigrad auf, im Gepäck einen Sechserkarton von richtig gutem Wein. Wir saßen bis tief in die Nacht im Cockpit, und über uns drehte sich langsam der Sternenhimmel.

Die Sache mit der Henne
Und dann ist da die Geschichte mit der Henne. Schon bei unserer ersten großen Reise hatte uns ein Maskottchen begleitet, ein Flamingo. Markus, der für seine Einfälle bekannt ist, hatte sich diesmal in den Kopf gesetzt, uns ein Tier mitzugeben: eine echte Henne, die mit uns segelt und jeden Morgen ein frisches Frühstücksei legt. Anfangs haben wir gelacht. Dann bekamen wir leise Bedenken, denn wer Markus kennt, der weiß, dass er umsetzt, was er ankündigt. Würde am Ende wirklich ein gackerndes Federvieh über unsere Planken stolzieren? Er kam tatsächlich mit einer Henne – allerdings mit einer, die niemals ein Ei legen wird. Eine Lampe in Hennenform, die uns von nun an als Nachtlicht an Bord leuchtet. Aus dem Flamingo von damals ist also eine Henne geworden, und sie wird uns über alle Meere begleiten.

Familie und ein Abschied, der diesmal stimmte
Wenige Tage darauf wurde es noch einmal ganz besonders. Christians Schwester Conny hatte sich mit Peter angekündigt, und dann standen plötzlich auch Christians Eltern am Steg, mit der Gitarre unter dem Arm. Daheim hatten wir uns eigentlich schon verabschiedet, aber dieser Abschied war kurz und ein wenig unbeholfen geraten, wie das manchmal ist, wenn man nicht weiß, wie viele Worte die richtigen sind. Diesmal hatten wir Zeit. Vier Tage blieben sie, wir schauten uns die Gegend an, kochten zusammen, und abends spielte Christians Vater Gitarre, während die Lichter des Hafens auf dem Wasser tanzten. So sah der Abschied aus, den wir uns gewünscht hatten.


Kurz darauf kamen Melanie und Hans-Jörg vorbei. Melanie macht gerade ihren Bootsführerschein und wollte eigentlich nur „auf einen Sprung" hereinschauen – woraus, wie konnte es anders sein, ein langer, fröhlicher Tag wurde, an dem wir ihr unser Novigrad zeigten. Und auch von unserem Tennisverein, den Amateuren aus Kapfenberg, bekamen wir Besuch: Blumi mit seiner Frau Dani, und wieder verging ein Tag wie im Flug.

Familie über Pfingsten
Dann kam meine Familie. Dass meine Eltern für eine Woche zu uns aufs Schiff ziehen würden, war von langer Hand geplant – gemeinsam mit Sebastian und Mika wollten wir ein paar ruhige Tage verbringen. Womit wir nicht gerechnet hatten: dass mein Bruder Werner und meine Schwägerin Martina mit ihren Kindern Anna und Simon aus Niederösterreich dazustoßen würden. Sie kamen ausgerechnet am Pfingstwochenende, mitten im großen Stau, und waren stundenlang unterwegs, nur um drei Tage mit uns zu verbringen. Es war ein Traum. Ich habe mich selten so gefreut, ein Auto am Hafen einparken zu sehen.

Was bleibt Und damit war noch nicht Schluss. Ein paar Wochen später, als sie ohnehin wieder in der Gegend war, schaute Sandra mit einer Freundin noch einmal kurz auf einen Aperitif vorbei, und für diese gestohlenen Stunden sind wir besonders dankbar. Über all die Wochen hinweg waren außerdem Sarah, Sebastian und seine Freundin Mika immer wieder bei uns, so oft es nur ging.
Und Mika hat uns einen Moment geschenkt, den wir nie vergessen werden. Sie macht Tuch-Akrobatik, und in der Ankerbuch hängte sie ihre Tücher hoch oben in unser Rigg, über dem offenen, türkisen Wasser. Was sie uns dort vorführte – diese Mischung aus Kraft, Anmut und einem Hauch von Wahnsinn –, ließ uns den Atem anhalten.

Wenn ich heute an diese letzten Wochen in Novigrad zurückdenke, sehe ich kein einzelnes großes Fest. Ich sehe viele kleine Abende, volle Cockpits, leere Weinflaschen und eine Henne, die im Dunkeln leuchtet. Wir wollten leise gehen, und am Ende wurde es das wärmste Abschiednehmen, das wir uns hätten erträumen können.
Die schönsten Abschiede sind die, bei denen am Ende mehr Menschen an Bord stehen, als man je einzuladen gewagt hätte.
Juni 6, 2026
Es gibt zwei Arten, ein Schiff kennenzulernen. Die eine: Man fährt damit raus und schaut, was passiert. Die andere: Man nimmt es auseinander.
Wir haben uns für die zweite entschieden.
Zwei Monate lagen wir jetzt in der Marina Novigrad. Zwei Monate, in denen wir nicht ein einziges Mal „nur" an Bord waren. Denn ein Schiff, das einen über Ozeane tragen soll, das muss man begreifen – im wörtlichen Sinn. Jede Leitung. Jede Schraube. Jeden Winkel, in den seit Jahren niemand mehr geschaut hat. Man muss wissen, was es kann. Und ehrlicher noch: Man muss wissen, was es nicht kann.
Das hier ist die Geschichte dieser zwei Monate. Der kleinen Dinge und der großen.
17 Meter
Fangen wir oben an. Ganz oben.
Der Windanzeiger an der Mastspitze war hinüber, und so etwas tauscht man nicht eben vom Steg aus. Also rauf. 17 Meter über dem Wasser, im Bootsmannsstuhl, mit der Akkubohrmaschine am Gürtel. Wer noch nie da oben war: Der Mast wirkt von unten wie ein stabiler Mast. Da oben wirkt er wie ein schwankender Bleistift, an dem man hängt.
Und natürlich – natürlich – passte die neue Schraube nicht ins alte Loch. Also musste die Bohrmaschine doch mit nach oben, das Loch ein bisschen größer, und dann, endlich, saß der neue Windanzeiger perfekt. Man hängt da oben, der Hafen liegt einem zu Füßen, und für einen Moment vergisst man, dass die Hände noch zittern.

Die kleinen Undichtigkeiten
Ein altes Schiff hat Geheimnisse, und die meisten davon heißen: Wasser kommt rein, wo keines reinkommen soll.
Beim Prismenglas, einem dieser kleinen Deckslichter, tropfte es. Also raus damit, komplett. Reinigen, neu verfugen, wieder einsetzen. So eine Arbeit dauert einen halben Tag und sieht hinterher aus wie nichts – aber sie ist der Unterschied zwischen einer trockenen Koje und einer feuchten.
Dann der Motorraum. Oberhalb des Motors, am Deckel, waren zwei Schrauben über die Jahre verrostet. Wir drehten sie raus – und sahen, dass dort feines Wasser hereinzog, Tropfen für Tropfen. Also den ganzen Deckel herunter, alles sauber, neue Dichtungsmasse, wieder rauf. Es sind genau diese unscheinbaren Stellen, an denen sich später draußen auf See entscheidet, ob man eine ruhige Nacht hat oder nicht.

Der Motor, dem wir unser Leben anvertrauen
Unter den Bodenbrettern wohnt ein Yanmar, und mit dem haben wir uns gründlich angefreundet. Ölwechsel, Filter, jede Leitung kontrolliert, jeden Schlauch geprüft. Wenn man vorhat, Tausende Seemeilen zu fahren, dann ist der Motor nicht das Ding, das man anwirft, wenn der Wind weg ist. Er ist die Lebensversicherung.

Der neue Autopilot – und unsere größte Sorge
Und jetzt zu den großen Dingen.
Ein Schiff, das von zwei Menschen über Ozeane gesegelt werden soll, braucht einen dritten an Bord, der nie müde wird: den Autopiloten. An Bord war bereits jede Menge Furuno verbaut – Plotter, Windanzeiger, das ganze System. Also sollte auch der neue Autopilot ein Furuno werden, passend ins bestehende Netz.
Hier sind wir unserem Freund Joachim zu großem Dank verpflichtet. Ohne ihn hätten wir an manchen Stellen lange gegrübelt – er hat uns durch den Einbau begleitet.
Aber da war diese eine Sorge, die uns nicht losließ: Würde der alte Antrieb am Ruderquadranten – ein betagter Cetrek-Mechanismus mit Kette – mit der neuen Furuno-Elektronik überhaupt zusammenarbeiten? Das war die große Unbekannte. Man kann alles Neue einbauen, aber wenn das Herzstück, der Antrieb, der das Ruder bewegt, nicht mitspielt, war alles umsonst.
Wir haben ihn gereinigt, geschmiert, angeschlossen – und dann den Moment der Wahrheit abgewartet.
Er läuft. Der alte Antrieb leistet hervorragende Arbeit. Auf dem Display steht „Auto", Kurs 166°, und die Feelgood hält ihn, als hätte sie nie etwas anderes getan.
(Dass uns zwischendurch eine Sensor-Warnung anlachte – „Geschwindigkeit ist sehr langsam, überprüfen Sie den Sensor" – gehört zur Wahrheit dazu. Ein Schiff gibt seine Geheimnisse nicht alle auf einmal preis.)

Strom für die große Reise
Die zweite große Sache: die Energie.
An Bord lagen Bleibatterien – zuverlässig, aber schwer und mit wenig nutzbarer Kapazität. Für uns kein Dauerzustand. Wir arbeiten von Bord aus, wir leben von Bord aus, und das Letzte, was wir auf einer langen Reise wollen, ist: zu wenig Strom.
Also raus mit dem Blei, rein mit Lithium. Dreimal 150 Amperestunden LiFePO4 liegen jetzt an Bord. Dazu zwei Solarpanele mit je 175 Watt – und bei den Panelen haben wir bewusst nicht gespart. Es gibt eine spezialisierte Firma in Deutschland, die verspricht, dass ihre Zellen auch dann noch Ertrag liefern, wenn sie nicht voll in der Sonne stehen – wenn etwa ein Segel den Schatten wirft. Ob die Werbung hält, was sie verspricht? Wir sind neugierig und werden berichten.
Die feine, gefährliche Arbeit – das eigentliche Anschließen der Elektrik – haben wir nicht selbst gemacht. Dafür hatten wir einen ortsansässigen Spezialelektriker, der genau weiß, wie man mit Strom an Bord umgeht. Manche Dinge überlässt man besser den Profis.

Was bleibt
Ehrlich? Fertig sind wir nicht. Ein paar Dinge stehen noch offen, das Material liegt bereit, poliert werden muss auch noch. Auf einem Boot sind die Kleinigkeiten nie alle erledigt – das gehört dazu, das wird immer so bleiben.
Aber für das, worauf es ankommt – für die große Fahrt, für den ersten richtigen Start – ist alles bereit.
Es waren zwei intensive Monate. Wir sind nicht dumm herumgesessen und haben aufs Meer geschaut. Wir haben gearbeitet, geschraubt, gebohrt, geflucht und gelacht. Und irgendwann, an einem dieser Abende, als die Hände schwarz waren und der Rücken weh tat, ist mir klar geworden:
Man lernt ein Schiff nicht lieben, indem man es ansieht. Man lernt es lieben, indem man die Hände hineinlegt.
Juni 4, 2026
Es ist Anfang April 2026. Drei Wochen sind wir jetzt in Grado, mit ihr, dem Schiff, das uns gehört und das uns gleichzeitig noch immer ein bisschen fremd ist. So ist das mit gebrauchten Schiffen. Man unterschreibt einen Vertrag, man bekommt einen Schlüssel, man steigt ein – und trotzdem dauert es Wochen, manchmal Monate, bis sie einen wirklich an Bord lässt.
Wir haben Zeit. Aber nicht viel. Drei Wochen Liegeplatz in Grado, mehr nicht. Danach muss sie weiter. Danach muss sie nach Hause.
Nur, dass wir noch nicht genau wissen, wo „nach Hause" ist.

Zwei Männer, ein Schrubber, ein neues Schiff
Christian und Sebi nehmen sich die ersten zwei Tage zusammen vor. Vater und Sohn, an Bord. Sie machen das, was man am Anfang macht: Sie zählen. Schraube für Schraube, Werkzeugschublade für Werkzeugschublade, Schwimmweste für Schwimmweste. Inventur eines Schiffs, das zwei Jahrzehnte lang einer anderen Familie gehört hat. Es ist eine seltsam zärtliche Arbeit. Du öffnest eine Lade, und etwas anderer Menschen Geschichte fällt dir entgegen. Ein altes Logbuch. Ein vergilbter Stadtplan. Ein Bordbuch mit einer Handschrift, die nicht deine ist.
Dann ist da der Grünspan. Auf einem Schiff, das längere Zeit gestanden hat, hängt er überall – an den Beschlägen, in den Ecken, an Stellen, an denen das Salz lange Zeit hatte. Sebi und Christian schrubben Tag für Tag. Sie reden dabei, und sie reden nicht. Es ist eine dieser Arbeiten, bei denen die Hände denken und der Kopf endlich still wird.
Ich beobachte sie manchmal vom Steg aus. Mein Sohn am Vorschiff. Mein Mann an der Reling. Und da ist dieser Moment, an dem mir klar wird: Das hier ist nicht mehr nur ein Schiffskauf. Das hier wird gerade Familie.

Eine Familienidee
Die Tage in Grado werden weniger. Wir müssen weiter, und wir wollen weiter. Aber von Grado nach Novigrad in Istrien – das ist eine kleine Überfahrt. Doch wir kennen das Schiff noch nicht wirklich. Wir wissen nicht, wie sie auf den Wind reagiert. Wir wissen nicht, wie sie sich bei zwei Meter Welle anfühlt. Wir wissen vor allem eines nicht: Wie sie sich anfühlt, wenn sie unsere ist.
Und dann passiert etwas Wunderschönes. Unsere Kids melden sich, eines nach dem anderen.
Mama, ich komme mit.
Sebi will die Überfahrt mit uns machen. Sarah, unsere Tochter, kann nicht aufs Schiff – sie hat noch andere Termine. Aber sie sagt: Dann nehme ich das Auto und fahre vor.
Manche Familien haben Eltern, die irgendwann gehen, und Kinder, die zurückbleiben. Unsere Familie hat es anders gemacht. Wir gehen. Und die Kinder kommen mit, jeder auf seine Weise.
Der zweite April – ein guter Tag
Der Morgen ist klar. Der Wind ist da, aber er hat noch Manieren. Wir lassen die Leinen los. Sebi steht oben am Bug, Christian am Steuer, ich an den Schoten. Wir fahren raus aus dem Hafen von Grado, vorbei am Wellenbrecher, vorbei an der letzten Tonne – und dann ist da nur noch Wasser.
Vier Stunden braucht sie. Vier Stunden, in denen die Adria genau das tut, was wir uns vom ersten Tag erhofft hatten. Sie trägt uns. Sie zeigt uns, dass dieses Schiff genau weiß, was es tut. Wir wechseln uns am Steuer ab, Sebi grinst, Christian fotografiert, ich halte das Rad und merke, wie sich etwas in mir setzt. Wir gehören jetzt zusammen, sie und wir. Es ist nicht mehr die Samba. Es ist beinahe schon die Feelgood.

Novigrad. Und ein Liegeplatz, der zu klein ist
Am späten Nachmittag sehen wir die Hafeneinfahrt von Novigrad. Sarah hat es vor uns geschafft – sie steht am Steg, klein in der Ferne, und winkt. Wir laufen ein. Marina Nautica. Der Marinero kommt mit dem Schlauchboot, lotst uns durch die schmalen Gassen aus Schiffsbug und Schiffsheck.
Und dann sagt er: Nein. Nicht hier. Der Platz ist zu klein.
Er winkt uns durch, ruft etwas Kroatisches, deutet weiter. Dahinten, dahinten.
Was nun folgt, ist das, wovor wir Respekt haben, seit wir wissen, dass dieses Schiff keinen Bugstrahlruder hat. Rückwärts einparken. Eine 13-Meter-Hallberg-Rassy. Ohne Bugstrahlruder. Im fremden Hafen. Beim ersten Mal.
Wir waren bis dahin so verwöhnt. Auf jedem Boot, das wir vorher gefahren sind, gab es eine Taste am Steuerstand – kurz drücken, der Bug bewegt sich, fertig. Hier nicht. Hier zählt nur eines: Geduld, Gefühl, und die kleine Stimme im Kopf, die sagt langsam, langsam, langsam.
Christian am Steuer. Ich an den Leinen. Sebi mit dem großen Kugelfender bereit. Und Sarah, die uns vom Steg aus zuruft. Wir rangieren. Wir manövrieren. Wir spüren, wie das Heck träge zur Seite zieht – und dann, irgendwann, liegen wir. Liegeplatz 13. Erreicht.
Es ist einer dieser Momente, in denen man sich freut, dass es niemand gefilmt hat. Und gleichzeitig nie wieder vergisst, dass man es geschafft hat.

Ein neuer Name
Am Heck der Hallberg-Rassy steht in diesen Stunden noch SAMBA for TWO – WIEN. Eine Familie, ein Schiff, eine Geschichte, die nun zu Ende geht.
Wir feiern den Abend zu viert. Sebi, Sarah, Christian und ich. Wir essen, wir lachen, wir reden über Grado, über die Überfahrt, über das, was als Nächstes kommt. Und dann lösen wir den alten Schriftzug Buchstabe für Buchstabe und lassen einen neuen an den Spiegel kleben.
F-E-E-L-G-O-O-D
Sie hat einen neuen Namen. Und sie hat eine neue Familie.
Bootsleute werden jetzt vielleicht die Augenbraue heben. Schiffstaufen sind eine ernste Sache. Wir machen es leise. Wir machen es zu viert. Wir machen es so, wie es zu uns passt. Sebi am Heck, Sarah daneben, Christian und ich dazu. Und über uns die letzten Sonnenstrahlen eines Tages, der so viel mehr war als eine Überfahrt.

Drei Wochen Grado liegen hinter uns. Vier Stunden Adria. Ein Liegeplatz, der einmal zu klein war. Ein Schiff, das jetzt einen neuen Namen trägt.
Vielleicht ist das mit „nach Hause kommen" gar nicht so kompliziert. Vielleicht ist es einfach das hier:
Du kommst irgendwo an, und die Menschen, die zu dir gehören, sind schon da.